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Posts Tagged ‘Subjektivierung’

Wenn Deutsche zu sehr lieben (Teil 3 von 3)

In Uncategorized on 1. Januar 2003 at 20:35

Geht es um die Transformationen, die Sexualität und Geschlechterverhältnisse im postfaschistischen Deutschland durchlaufen haben, so ist das Bestreben, den kritischen Begriff dieser Gesellschaft auf die Höhe der Zeit zu bringen, stets der Gefahr ausgesetzt, den eigentlichen Skandal zu übersehen: Wie vieles sich gleich geblieben ist vor und nach 1945, wie sehr sich weiterleben ließ wie zuvor, auch an Tisch und Bett. Noch immer ist der Haß auf den unreglementierten Trieb bereit zum Pogrom und wittert ihn im Fremden, der ihn in die Gemeinschaft der Anständigen eingeschleust haben muß: Seine Projektionsfläche ist das unschuldige Kind, in das “sexualisiertes Verhalten” nur qua Mißbrauch eingepflanzt worden sein kann, zu dessen Symptomen solches laut Ratgebern für Kindergärtner zählt. Der Ruf nach Kastration ist noch allemal für Mehrheiten unter den Landsleuten gut. Das armselige Vergnügen an den ausgeklügelten Strafphantasien verrät, besonders wenn in jener charakteristisch unterkühlten, geradezu desinteressierten Manier vorgetragen, daß nicht Sorge um die Wehrlosen dahintersteckt, sondern Neid auf jene, die in ihren Augen eben keine erbärmliche Figur machen, sondern genau den ultimativen Kick erleben, der der Hetzmeute, die ihren Sadismus über den Umweg von Gesetz, Knast und Bild-Zeitung auszuleben gezwungen ist, noch versperrt ist. Eins mit sich ist das gesunde Volksempfinden schließlich, wenn es selber Hand anlegen kann; dann, wenn der ausgemachte Vergewaltiger die zu jenem Gewächs, hinter dem er immer und überall lauern soll, in Fußballstadien offenherzig – “Husch husch husch, Neger in den Busch” – assoziierte Hautfarbe trägt. “Neger zwingen ihre Frauen zu Sextänzen in Kellerkneipen”; “die stehen immer nur da mit ihrer unverschämten Lässigkeit, selbst nach der Arbeit, wenn sie kaputt sind”; “hat wahrscheinlich im Heim drei Frauen, und hier fickt er die letzte Unke im Dorf”: So trugen die Hoyerswerderaner Bürger 1991 ihre, na klar, Sorge um die zunehmende mißbräuchliche Ausnutzung des Asylrechts in Funk und Fernsehen vor [1] . Den Rest des Beitrags lesen »

Wenn Deutsche zu sehr lieben (Teil 2 von 3)

In Artikel on 1. Januar 2003 at 20:34

Sexualität und Geschlechterverhältnis im postfaschistischen Deutschland

„Der Habicht Mutter und der Bussard Omutter verbieten dem ihnen anvertrauten Kind das Verlassen des Horstes. In dicken Scheiben schneiden sie IHR das Leben ab,…(S.45)

Sie haben im weitem Umkreis Späher unter Vertrag, die das Betragen des weiblichen Kindes außerhalb seines Hauses ausspionieren und bei einem Schalerl Kaffee vor den weiblichen Erziehungsberechtigten gemütlich auspacken….Dann sagen die Kundschafterinnen, was sie beim alten Stauwehr gesehen haben: das kostbare Kind mit einemStudenten aus Graz! Das Kind wird jetzt nicht mehr aus der häuslichenUmhüllung herausgelassen, bis es sich gebessert hat und dem Mann abschwört.“ (S.44)

Erika, die Tochter vom Habicht Mutter und vom Bussard Omutter ist die Klavierspielerin von Elfriede Jelinek. Als Klaviervirtuosin gescheitert, lehrt sie am Wiener Konservatorium. Den Rest des Beitrags lesen »

„Sex is dumb, boring hippie stuff“

In Artikel on 1. Januar 1998 at 19:59

Über das strukturell sexbesessene bürgerliche Subjekt – ein Parforceritt

Auf die Avance eines Groupies soll, will man dem Film „Sid and Nancy“ Glauben schenken, Johnny Rotten, Sänger der Sex Pistols, bloß „Sex is dumb, boring hippie stuff“ geantwortet und sich weggedreht haben. Falls dies stimmt, traf er damit eine der radikalsten Aussagen über Sexualität, die sich denken lässt. Denn allen, die sich ins Gerede über Sex einbringen, ob Homo- oder Heterosexuelle, SexualrevolutionärInnen und katholische Enthaltsamkeitspropagandisten, Rockstars, BRAVO-AutorInnen, Therapeuten und FrauenLesben, ist gemein, dass sie, egal wie sie ihre Stellung zum sexuellen Begehren definieren, dieses eines sicher nicht finden: belanglos und langweilig. Im Gegenteil: Die Sexualität erscheint in der bürgerlichen Gesellschaft mit all ihren getrennten Sphären als diejenige, in der die Individuen ihre echtesten Gefühle, ihre nachhaltigsten Siege und Niederlagen, kurz, ihren wesentlichen Sinn erfahren. Als schicksalshafte Bestimmung trägt die Gesellschaft den Einzelnen tagtäglich die Suche nach der sexuellen Identität auf. Es winkt nicht weniger als die Belohnung, den ureigenen Wesenskern hier zu finden und befreit – allen Erfahrungen, „ein geknechtetes und verächtliches Wesen“ (Marx) zu sein, zum Trotze – aufzuatmen: Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein. Dass diese Hoffnung sich kaum je erfüllt, gehört recht gerade zum Reiz dazu. Den Rest des Beitrags lesen »

Subjektivierung oder Sozialisation in der bürgerlichen Moderne

In Artikel on 1. Mai 1997 at 19:51

Referat für die NRW-Tagung „Beziehungsweise Sexualität“ vom LAK-Queer(l) der JD/JL NRW

Einleitung

Dieses Referat soll dazu dienen den Zusammenhang zwischen Individuum und Gesellschaft ein wenig zu durchleuchten. Die Frage ist dabei: Wie kommen gesellschaftliche Strukturen in die Köpfe und Lebweisen von Menschen? Es steht bewußt am Anfang der Tagung um Grundlagen zu diskutieren, die zum Verständnis der einzelnen noch in den Arbeitsgruppen aufzudeckenden Strukturen und ihrer Bedeutung für den Menschen und sein individuelles Leben nötig sind. D.h. in den folgenden Arbeitsgruppen wird teilweise auch Bezug genommen bzw. an Beispielen die Logik verdeutlicht. Desweiteren dient dieses Referat der Erklärung dazu, was an Frauen und Männern unterschiedlich ist und wie und warum sich das historisch entwickelt hat. Der aktuelle Zustand ist nämlich nur durch die Analyse der historischen Entwicklung verständlich, da sie nur daraus entstanden ist. Das zeigt aber auch, warum das Aussteigen aus patriarchalen Strukturen (a la: Ja dann machen wir das doch einfach anders wenn wir wissen, daß das scheiße ist) nicht bzw. nicht vollständig möglich ist. Was machbar ist, dazu wollen wir am Schluß dann noch mal kommen. Den Rest des Beitrags lesen »