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Den Schein wahren (Madeleines-Beitrag zur Diskussion um Schönheit und Sexualität in der Zeitschrift Konkret. Veröffentlich in Ausgabe 4/2010)

In Uncategorized on 31. März 2010 at 15:12

In ihren Debattenbeiträgen kritisieren sowohl Martin Büsser (Konkret 11/09) als auch Iris Dankemeyer und Andrea Hackenberg (Konkret 01/10) das linke Desinteresse an Sexualität und Schönheit. Auch ihre Argumentationen aber sind von Misstrauen gegen Ästhetik geprägt. Stattdessen suchen sie, inspiriert durch Post Porn Politics und Queerbewegung, dem Mainstream ein beziehungsberaterisches Sexual- und Schönheitsideal entgegenzusetzen, welches die vorherrschende linke Wurstigkeit gerade nicht überwindet. Indem sie dem trügerischen Schein ein aufrichtiges (politisches oder innerliches) Wesen entgegenhalten, bleibt das Versprechen der Schönheit gerade uneingelöst.

Büsser erspart sich jede ästhetische Bestimmung seines Gegenstands, indem er den Körper aufs politische Zeichen reduziert. Dreadlocks beispielsweise gehen ihm umstandslos in der Bedeutung schwulenfeindlich auf. Als Ideal hingegen gilt, was sich unmissverständlich der Norm widersetzt; insbesondere der heterosexuellen. Sein Lob der Androgynität feiert den zartgliedrigen Jüngling nicht als zweideutig schillernde Alternative zur grobschlächtigen Männlichkeit, sondern als eindeutigen Gegenentwurf zur verpönten Geschlechterdifferenz. Gegen den schönen Schein setzt Büsser den Röntgenblick aufs politische Wesen, und der durchschaut jedes sekundäre Geschlechtsmerkmal, Busen ebenso wie Barthaar, unbestechlich als rückständig. Che Guevara etwa, so Büsser, entspreche als »unausgesprochenes Schönheitsideal […] zutiefst konventionellen Vorstellungen von Männlichkeit« – eben weil er überhaupt an Männlichkeit und Weiblichkeit erinnert. (So fragwürdig die politische Ikonographisierung eines ehemaligen Finanzministers auch sein mag: Dessen langen Haare und Wimpern und melancholischer Blick auf dem berühmten Bild sind mit traditioneller – was ja immer auch heißt: unlasziver – Männlichkeit eher nicht zu fassen. Aber das nur am Rande).

Dankemeyer/ Hackenberg kritisieren zurecht Büssers paradoxes Manöver, Subversion zur neuen Norm aufzurichten. Stattdessen aber verwerfen sie jeden Gedanken, der übers Einzelne hinauswill. Im Gegensatz zu Büsser, der die gesellschaftliche Einebnung aller (gerade auch geschlechtlicher) Differenzen sexualpolitisch affirmiert, gilt ihnen Schönheit allein als Sache des persönlichen Geschmacks. Das Allgemeine sei nur Gleichmacherei. Ihr Credo ist die »Binsenweisheit (…), dass sowieso nur schön sein kann, wer sich selbst mag, wie er/sie ist.« Dabei zergeht ihnen die Spannung von Allgemeinen und Besonderem, aus der Schönheit erst erwächst. Ästhetik ist nicht Regellosigkeit, sondern die Regel, die ihre einzigartige Erfüllung verlangt; nicht Ignoranz der Norm, sondern kunstvolle Auseinandersetzung mit dieser.

Wer den anderen den Atem rauben will, muss sich auch durch deren Augen betrachten, sich also mit Fremdem identifizieren können. (Dass den Landsleuten diese Fähigkeit immer suspekt blieb, ist der Grund, warum die Rede von den ‚hässlichen Deutschen‘ so häufig nicht nur im übertragenen Sinne zutrifft.) So ist die Schönheit, gerade als individuelle, immer zugleich auf Überindividuelles bezogen, auf Gesellschaft. Zieht man diese ab, bleibt vom begehrenden und begehrlichen Körper bloße Natur. Symptomatisch taucht das in Dankemeyer/Hackenbergs rhetorischer Frage auf: »Was hat eine bestimmte Art, sich zu kleiden, mit Sex zu tun, bei dem die Alltagskleidung in den meisten Fällen abgelegt wird?« – als wäre der nackte Körper im Biobuch das gleiche wie der entkleidete Körper des oder der Liebsten; als wäre das scheinbar überflüssige Spiel aus Ver- und Enthüllung nicht genau das, worauf es ankommt: die Verwandlung von Muskeln, Nerven, Fettpölsterchen ins Objekt der Lust, einen individuellen Leib. Dankemeyer/Hackenbergs Schönheit-kommt-von-innen-Ideologie strandet so irgendwo zwischen FKK und soziobiologischer Fleischbeschau.

Selbstverständlich hat Schönheit auch etwas damit zu tun, wie man zu sich steht. Doch wenn nur schön ist, wer sich mag, lässt sich fragen: Wer kann sich unter diesen Verhältnissen, als in den grauen Alltag gebannte, austauschbare und daher überflüssige Monade, schon selber ganz und gar mögen? Selbstzufriedenheit ist selten sexy. Schönheit hingegen entsteht gerade auch durch die Negierung dessen, wer oder was man ist. Dankemeyer und Hackenberg verleugnen in der Festschreibung auf das, wie man ist, das Imaginäre, das darauf zielt, wie man sein könnte. Damit geht der Überschuss verloren, der Schönheit erst zu solcher macht.

So wenig Schönheit ohne körperliche Attraktivität zu haben ist, so wenig ist schön schon gleichbedeutend mit sexy sein. Gerade bürgerliche Ideologie lebt von deren Aufspaltung – deren kulturindustrielle Ausdrucksform die sorgsame Unterscheidung von Porno und Romanze ist. Während in der Pornographie der Sex von allen Spannungen und Verwicklungen, von aller Individualität entkleidet wird, der gerade Blick auf die nackten Tatsachen der Oberfläche be(un)ruhigend wenig zu verbergen scheint, leben die Schnulzen wiederum vom vergeistigten Begehren gehemmter Erotik, die die Sexualorgane nicht mit ins Bild nimmt. Den Körpern ohne Aura steht die Aura ohne Körper gegenüber. Schönheit erscheint in beiden Fällen stets als Hemmnis der Hingabe – sei es, weil sie von der Sache selbst, dem Akt, bloß ablenkt; sei es, weil sie durch diesen unwiderruflich befleckt würde.

Dieselbe Spaltung taucht, unreflektiert, in der linken Debatten wieder auf. Schönheit, verstanden als Negation heterosexueller Konventionen, tabuiert die geschlechtlich bestimmte Körperlichkeit; verstanden als Affirmation des puren So-Seins, So-Aussehens, zerstört sie, was als Verheißung eines Anderen, Besseren sie erst reizvoll macht.

Will Schönheit sexy sein, darf sie nicht hübsch bei ihren Leisten: bei ihrem Gebrauchswert für den politischen Widerstand oder die persönliche Seelenhygiene bleiben. Sie muss sich selber mit Lust verschwenden können: im Übereinanderherfallen, den ungewöhnlichen Verrenkungen des Körpers, dem Verzerren des Gesichts und dem Anblick der seltsamen Organe mit ihrem intimen Flüssigkeiten.

Dass die Erregung durch den oder die Andere noch das an sich Hässliche schön, das Abstoßende unwiderstehlich macht, bleibt nicht aufs Körperliche beschränkt. Das Lustversprechen der Sexualität, darin dem ästhetischen der Kunst eng verwandt, besteht darin, dass auch die Deformationen, welche Gesellschaft produziert, die Leiden ebenso wie die destruktiven Leidenschaften, nicht unverwandelt Ausdruck finden müssen. Richtig ist daher Büssers Kritik an der autonomen Linken, sie setze Sex und Sexismus in eins und reproduziere so, indem sie jedes unerwiderte erotisches Interesse zum Vergehen stempelt, Prüderie und Selbstkasteiung. Falsch aber ist, dem komplementären Imago der Linken aufzusitzen, wie Büsser – und auch Dankemeyer und Hackenberg – es tun: Dass sich Sex und Sexismus fein säuberlich auseinanderdividieren lassen. So wenig Vergewaltigung bloß eine x-beliebige Körperverletzung ist, bei der das sexuelle Mittel nichts und das Machtmotiv alles zu bedeuten habe, so wenig gibt es den reinen, von Gewaltverhältnissen unbefleckten Akt. In der Sexualität, wie überhaupt im Spiel des Begehrens, verschränken sich die Verletzlichkeit der ersten und der zweiten Natur, die physische des Körpers und die psychische des Individuums: Sich auszuliefern, den Panzer abzulegen, ohne dass der oder die Andere einem etwas antäte, ist Bedingung des glücklichen Moments, in welchem gemeinsam Leid in Leidenschaft aufgehoben werden kann. Wenig mehr lässt sich darüber mit Sicherheit sagen als das: Leidenschaft wie Schönheit sind den Verhältnissen abgerungen und tragen deren Züge als verwandelte in sich, brechen sich an der Realität und weisen darüber hinaus, implizieren ihr eigenes Scheitern ebenso sehr wie den Widerstand gegen die resignierte Unterwerfung unter das, was ist.

Dialektik der Treue

In Artikel on 4. Oktober 2007 at 20:52

10/2007: Dialektik der Treue

Unser Beitrag zur Diskussion um Liebe, Sex und Beziehungen in der Wochenzeitung Jungle World:
http://jungle-world.com/seiten/2007/40/10748.php

Syphilis-Arbeit: Wandzeitungen zum Download

In Artikel on 1. September 2004 at 20:47
Syphillis-Arbeit Logo

Wandzeitung gegen Geschlechterverhältnisse und anderen Wahnsinn

Es ist eine Syphilis-Arbeit, aber die Zeit ist reif für sie. Auch in Deiner Stadt! Den Rest des Beitrags lesen »

Gedanken zum Frühlingsanfang

In Artikel on 31. Dezember 2002 at 20:28

Zur Kritik an der Bahamas-Ausgabe „Hauptsache Sexualität“

Vorbemerkung: Der folgende Text der Gruppe „Les Madeleines“ aus dem Jahre 2002 hätte nach Wunsch der AutorInnen in der ‚Bahamas‘ erscheinen sollen, um nach dem Abflauen der Aufregung um deren Kritik am linken Szene-Umgang mit Sexualität und sexueller Gewalt eine substantiellere Debatte um das Verhältnis von Kapitalismus und Geschlechterverhältnissen zu eröffnen. Das jedoch erschien der ‚Bahamas‘ als ein unsittliches Ansinnen, und nach einer unerfreulichen Auseinandersetzung, in deren Rahmen sich vor allem ein Redakteur derselben mit sexistischen Schmähungen und Forderungen wie der, er erwarte von den AutorInnen vielmehr „Artikel zur Verteidigung der genitalen Sexualität“ hervortat, blieb die Kritik unpubliziert. Im Lichte dieser und weiterer Entwicklungen um das Berliner Zentralorgan wäre der Text, vor allem im einleitenden Absatz, sicher schärfer ausgefallen. Nur haben „Les Madeleines“ bisher keine Zeit zu einer Überarbeitung gefunden, die auch eine Kritik an später veröffentlichten Artikeln der ‚Bahamas‘ zum Thema (so etwa an der grandiosen völkerpsychologischen Diagnose zur „Psychopathologie des Islam“ in der Nummer 37 / 2002, in deren Rahmen die Autorin erklärt, warum der islamische Mann nicht arbeiten mag) umfassen müsste. Daher wird der nachfolgende Text als Dokument, nicht aber als letzter Stand der Erkenntnis der interessierten Öffentlichkeit zur Kenntnis gegeben. Den Rest des Beitrags lesen »

Borderline-Broschüre & Veranstaltung in Bremen

In Artikel, Veranstaltung on 1. August 2001 at 20:05

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