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Culture morte – zu einem materialistischen Begriff des Todes (VA am 27.6.2010 um 18 Uhr in der Hamburger Studienbibliothek)

In Veranstaltung on 23. Juni 2010 at 11:29

Die Tatsache des Todes ist auch für den Materialismus eine Provokation. Dass Menschen sterben müssen, mag schlagend den Vorrang der Materie über den Geist demonstrieren; aber der Triumph der Objektivität über die subjektive Hybris bringt nicht bloß den Idealismus zum Schweigen, sondern das Denken überhaupt. Gerade dem Materialismus, der es mit dem quälbaren Leib hält, muss der Tod unbegreiflich erscheinen; ein Skandalon, das es nicht zu verstehen gilt, sondern dem, mit den Worten Adornos, die Utopie von dessen Abschaffbarkeit entgegenzuhalten wäre.
Diese Utopie verwirklicht – auf seine eigene, ganz verkehrte Art – das Kapital. »Es hat einmal eine Geschichte gegeben«, beschrieb Marx das Verhältnis des Bürgers zur Vergänglichkeit, »aber es gibt keine mehr«. Die Welt des sich endlos verwertenden Werts, des G-W-G‘, kennt bloß noch reine, endlose Gegenwart. Mögen die Akzidenzien, die menschlichen Anhängsel der Produktion, auch vergehen, das Wesentliche, das kapitale Unwesen, bleibt mit sich identisch (und das Erbrecht sorgt für die Übersetzung dieses Phantasmas auf die Ebene des Subjekts). Die Verewigung hat freilich ihren Preis; denn was nicht sterben kann,dichtet sich ab gegen das, was anders wäre, das Leben selber. So ist das Reich, das die tote Arbeit beherrscht, eines der lebenden Leichen: Selbsterhaltung als Mortifikation, so schicksalshaft, wie es der Tod seit jeher war.

Sterben verführt daher, als Urbild der Schwäche des Geistes, stets noch zur Ideologisierung des Übermächtigen. »Viva la muerte«, proklamierten die spanischen Falangisten, und heute heißt es von den Islamisten: »Ihr liebt das Leben, wir lieben den Tod«. In den Symbolen und Riten der Faschisten kulminiert das doppeldeutige Verhältnis der Bürger zum Tod: Was sie als ultimative Kontinengenz, unbeherrschbare Natur fürchten, verklären sie zugleich als Widerpart des amorphen Gewusels des Daseins, als Ende aller Widersprüche. Im Namen, den die Nationalsozialisten ihrem Staat gaben, »Tausendjähriges Reich«, spiegelt sich beides wieder: das Phantasma der Ewigkeit und die Versteinerung des Lebens selbers.

Den Preis für dieses doppeldeutige Verhältnis haben seit jeher die Frauen zu tragen gehabt. Seit der Antike wird ihnen, im Einklang mit ihrer Rolle als Lebensspenderin, zugleich Komplizenschaft mit dem Tod zugeschrieben. Als politisch-ökonomisch nicht vollends Vergesellschaftete, erscheint die Frau auch in bürgerlichen Zeiten als nicht ganz von dieser Welt, als eine, die vor den Fährnissen des Lebens geschützt werden muss – und letztlich vor diesem selber. Wie im Märchen vom Schneewittchen, entfaltet sich ihre Schönheit erst ganz im Tode, fetischisiert zum »sex-appeal des Anorganischen«(Benjamin). Dem patriarchalen Imago der Weiblichkeit als reine Erscheinung ohne Substanz, als gespenstische Verschleierung des Mangels, erscheint die schöne Leiche als der schöne Schein ohne schreckliches Geheimnis, als entschleierte Wesenslosigkeit – kurz: als Inbegriff *mörderischer* Vergeistigung. Im Verkehr mit Frauen können Männer daher das Sterben üben, den »petit mort« erleben, den Untergang im (anderen) Geschlecht – und dabei das tödliche Risiko von sich auf die andere abwälzen.

Über diese und weitere Fragen werden wir am Sonntag, den 27. Juni diskutieren, um 18 Uhr in der Hamburger Studienbibliothek (Hospitalstr.85).

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