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Wenn Deutsche zu sehr lieben (Teil 3 von 3)

In Uncategorized on 1. Januar 2003 at 20:35

Geht es um die Transformationen, die Sexualität und Geschlechterverhältnisse im postfaschistischen Deutschland durchlaufen haben, so ist das Bestreben, den kritischen Begriff dieser Gesellschaft auf die Höhe der Zeit zu bringen, stets der Gefahr ausgesetzt, den eigentlichen Skandal zu übersehen: Wie vieles sich gleich geblieben ist vor und nach 1945, wie sehr sich weiterleben ließ wie zuvor, auch an Tisch und Bett. Noch immer ist der Haß auf den unreglementierten Trieb bereit zum Pogrom und wittert ihn im Fremden, der ihn in die Gemeinschaft der Anständigen eingeschleust haben muß: Seine Projektionsfläche ist das unschuldige Kind, in das “sexualisiertes Verhalten” nur qua Mißbrauch eingepflanzt worden sein kann, zu dessen Symptomen solches laut Ratgebern für Kindergärtner zählt. Der Ruf nach Kastration ist noch allemal für Mehrheiten unter den Landsleuten gut. Das armselige Vergnügen an den ausgeklügelten Strafphantasien verrät, besonders wenn in jener charakteristisch unterkühlten, geradezu desinteressierten Manier vorgetragen, daß nicht Sorge um die Wehrlosen dahintersteckt, sondern Neid auf jene, die in ihren Augen eben keine erbärmliche Figur machen, sondern genau den ultimativen Kick erleben, der der Hetzmeute, die ihren Sadismus über den Umweg von Gesetz, Knast und Bild-Zeitung auszuleben gezwungen ist, noch versperrt ist. Eins mit sich ist das gesunde Volksempfinden schließlich, wenn es selber Hand anlegen kann; dann, wenn der ausgemachte Vergewaltiger die zu jenem Gewächs, hinter dem er immer und überall lauern soll, in Fußballstadien offenherzig – “Husch husch husch, Neger in den Busch” – assoziierte Hautfarbe trägt. “Neger zwingen ihre Frauen zu Sextänzen in Kellerkneipen”; “die stehen immer nur da mit ihrer unverschämten Lässigkeit, selbst nach der Arbeit, wenn sie kaputt sind”; “hat wahrscheinlich im Heim drei Frauen, und hier fickt er die letzte Unke im Dorf”: So trugen die Hoyerswerderaner Bürger 1991 ihre, na klar, Sorge um die zunehmende mißbräuchliche Ausnutzung des Asylrechts in Funk und Fernsehen vor [1] .

Das vorauszuschicken begrenzt die Rede von der Individualisierung des Geschlechtlichen. Banal ist, daß der Führer, den es nicht mehr gibt, auch in der Liebe nicht mehr das letzte Wort behält; daß andere sexuelle Praktiken und Normen, andere Männer-, Frauen- und Familienbilder vorherrschen als im Nationalsozialismus. Nicht banal ist die Erfahrung, wie dünn der Firnis ist; wie leicht die nationalsozialistische Kriegslibido in Krisensituationen sich Bahn zu brechen vermag. [2] So plump ist das immer noch, was dem Begehren, wenn es zu heftig und zu zart, mit einem Wort: zu individuell wird, den Marsch bläst, daß Theorie, geeicht auf das raffinierte Ressentiment, es nicht gerne hört. Die Hatz auf ‘Tunten’ und ‘Emanzen’ bringt nicht wenige von denen zum Verstummen, die einiges darüber zu berichten hätten, wie es auf den Pausenhöfen, in den Werkskantinen oder den Reihenhaussiedlungen zugeht.

Ist aber die Individualisierung der Sexualität auch Schein, so gleichwohl realer Schein. Kinder werden nicht für Volk und Vaterland geboren, sondern, wenn man es sich leisten kann, als Beitrag zur Selbstverwirklichung. Das brandenburgische Begrüßungsgeld für Neugeborene von einigen hundert Mark, das vor Jahren aus demographischen Gründen eingeführt wurde, wirkt da eher wie ein schlechter Witz. Und wird die Abtreibung, wenn es ums möglicherweise behinderte Kind geht, auch nach wie vor vom Gesetzgeber wie vom beratenden Arzt unterstützt, so doch nicht mehr begriffen als Ausmerze “lebensunwerten Lebens” im Dienste der Volksgemeinschaft, sondern als Risikominderung im Dienste der eigenen Lebensqualität. Der postfaschistischen Sexualisierung der Individuen liegt nur vermittelt die faschistische Triebkraft zugrunde, die in manch häßlichem Wunsch bewahrt und doch im abweichenden Verlauf ihrer Bewährung negiert wird, bis schließlich das gesellschaftliche Resultat das altbekannte Schlechte als Verbessertes vorführt; Hegelsche Aufhebung auch hier. An einigen Schlüsselstellen unmittelbarer Nachkriegsgeschichte läßt sie sich entfalten.

Während aus der Rückschau der beherrschende sexualpolitische Topos der Jahre 1945ff. die Vergewaltigungen russischer Soldaten zu sein scheint, trieb die Deutschen der damaligen Zeit ein ganz anderes Gerücht über die Lüsternheit um. “Thema Nr. 1” in Stammtischen, Warteschlangen und überfüllten Zügen war, notierte der Schriftsteller Hans-Werner Richter, “die Enttäuschung von den deutschen Mädchen” [3] . Noch vierzig Jahre später vermag ein Landsmann, zu Wort gekommen in den beliebt gewordenen Sammlungen des deutschen ‘oral history’, sich an das Treiben der sprichwörtlichen “Ami-Huren” genau zu erinnern: “Eine blonde ‘Dame’ aus dem ‘Preußischen’ ist mit ihrem Damenfahrrad dort [beim Posten der US-Armee] öfters zu Gast. […] Die obere Türhälfte ist nur angelehnt. Ein Ami springt auf und fummelt an seiner Uniform. Ich halte es für besser, mich schleunigst zurückzuziehen und verständige einige Altersgenossen. Später sehen wir die ‘Dame’ hinter der halbblinden Fensterscheibe eine Zigarette rauchen. […] Wir schneiden ihr den Weg ab, […] bewerfen sie mit Splitt. […] ‘Amiliebchen’ rufen wir ihr nach.” [4] Bezeichnend nicht nur das gute Gewissen, mit der die Aggression als vergnügliche Anekdote, augenzwinkernde Gänsefüßchen inklusive, vorgetragen wird. Als Legitimation für die symbolische Steinigung reichen drei Schlüsselreize – Blondine, aufgeregte GI’s und die obligatorische Zigarette – hin. Das eigentliche Geschehen muß nicht erst gebannt verfolgt werden. Es liegt als Film im Kopf des Betrachters bereits fertig vor und wird bloß noch auf die “halbblinde Fensterscheibe” projiziert. Auffällig aber ist, daß dieser Film eine Eigenleistung des deutschen Nachwuchs darstellt: Anders als in der von der Propaganda Goebbels’ aufgegriffenen Urszenensituation, die noch die Wahrnehmung der Vergewaltigungen durch die Rote Armee präformierte, schändet nicht etwa ein wollüstiger Untermensch die reine weibliche Unschuld. Die Aktivität – und damit die Verworfenheit – liegt ganz auf Seiten der Frau, während der fremde Soldat seltsam passiv bleibt, höchstens nervös an den Insignien seiner Autorität, seiner Uniform, “fummelt”. Keine bedrohliche Vaterfigur hindert die Jugendlichen am unvermittelten, nicht über den Umweg der Identifikation mit dem Aggressor vollzogenen Angriff – und doch verbleiben sie, die für die “ansehnliche Blondine” nicht in Frage kommen, in der Rolle der unreifen Kinder. So körperlos der Übergriff auf den weiblichen Körper sich vollzieht (die Steine treffen angeblich nicht ihn, sondern nur die Fahrradspeichen), so innerlich unschuldig fühlen sich der Erzähler und seine Kumpel auch im Nachhinein. Sie wollen erwachsen sein, aber niemals werden.

Den Stoff ihres Sexualneides teilen sie mit den Vätern. Auch diese fühlen sich ausgebootet von den Fremden. Und wo der Fremde ist, da ist der Trieb; in den Worten des Journalisten Kurt Fischer: “In einer Vorstadt der großen zerstörten Stadt am Rhein sind die Clubs der Neger. Vor ihnen drängen sich die Mädchen. […] Die Neger suchen aus, nehmen mit in den Club. Die weißen Zähne lachen. Trinken. […] Süßlicher Zigarettenschwall hängt über den wilden Tanzenden. Gin, Whisky. Die Neger-Band spielt rasend. […] eine große Packung Pall Mall, leuchtend im Rot der Übergröße, fliegt einem Mädchen zu, vielleicht achtzehnjährig, das wie besessen tanzt vor den frenetisch Schreienden.” [5] Anders als die Jungen aber reagieren sie nicht mit offener Gewalt, sondern mit einer Larmoyanz, die, weil in ihr die sadistischen Impulse nur verdruckst auszuleben waren, ihnen als Tugendhaftigkeit galt. Stellvertretend für die Kriegsheimkehrer schrieb einer der ihren an eine Hamburgerin, die ihre Verlobung mit einem amerikanischen Soldaten annonciert hatte, anonym, aber durch die Verwendung von Feldpostpapier hinreichend identifiziert, ein Gedicht:

“Zu Tode erschöpft, nach langen Wochen

kommen die Landser nach Hause gekrochen […]

In Freuden lebt die deutsche Frau,

aber auf schlimmste Art, wir wissen’s genau.

In Paaren und einzeln sieht man sie gehen

verlangend vor Türen und Häusern stehen,

ein lockendes Lächeln im kecken Gesicht,

ihr deutschen Frauen schämt ihr euch nicht?

Die deutschen Soldaten, ohne Arm, ohne Bein,

die können euch jetzt wohl gleichgültig sein.

Denen fehlt es freilich an Kaffee und Butter,

aber die Fremden haben alles und dazu noch Zucker.

Und bringt einer noch Schokolade herbei,

dann ist die Hautfarbe auch einerlei

fünf Jahre brauchten sie, um uns zu besiegen,

euch können sie jedoch in fünf Minuten kriegen. […]

Ihr zerrt und ihr wißt es genau,

in den Schmutz die Ehre der deutschen Frau. […]” [6]

Die zwanghaften Verse wie die abgehackte Reportage verraten, wie die Lust ihnen den Atem verschlägt und die Hände zittern macht. Sie wollen schon, aber sie können nicht: Nicht erst die Besatzungsmacht, die solches nicht geduldet hätte, verhindert die sadistische Triebabwehr. Seit sie aus dem Felde zurück sind, fühlen sie sich – ohne “Kaffee und Butter”, “ohne Arm, ohne Bein” – kastriert. Die körperlichen Mängel spiegeln, sichtbar für jeden, die gesellschaftliche Impotenz, und umgekehrt; so können die Väter, auch wenn sie nicht gefallen oder in Kriegsgefangenschaft sind, die phantasmatische Position des obszönen Eindringlings, die in der psychischen Ökonomie der Familie für sie vorgesehen ist, einstweilen nicht einnehmen [7] . Weil einerseits alles und jedes – die zerstörten Städte, die fehlenden Waren in den Schaufenstern, die Landkarte mit dem zerstückelten Vaterland – zum Ausweis jener Übermacht taugt, die die herrische Handlungsfähigkeit unterminiert, läßt sie sich andererseits nicht mehr an das Begehren der einen Person binden, an das sich zu halten hieße, der dadurch repräsentierten Bedrohung zu entkommen. Der Akt der Identifikation, die Herrschaft über den Akt, will den Söhnen nicht gelingen: Übrig bleibt die unkontrollierte, da nicht unterworfene Verführungskraft des Weibes, die, anders als im Faschismus, jedem empirischen Exemplar der Gattung Frau zugeschrieben wird und der selbst die Zerrbilder des väterlichen Konkurrenten, die amerikanischen Soldaten, mehr zu unterliegen scheinen, denn daß sie sich ihrer bedienten. Während die Älteren noch “Neger” sehen, die Zigaretten feilbieten, die überschüssige Komplettierung des Körpers, die sie ihnen neiden, sehen die Jüngeren bloß die “Dame” rauchen: Im weiblichen Schlund glüht das wertvollste Geschenk des Mannes, um auf Nimmerwiedersehen zu verschwinden.

Die Entkörperung des phallischen Aggressors schlug sich ebenso im Umgang mit tatsächlichen Vergewaltigungen nieder. Bot das, was Soldaten der Roten Armee nicht wenigen vor allem Berliner Frauen und Mädchen antaten – motiviert nicht zuletzt durch das um so vieles grausamere Vorgehen der Deutschen in der Sowjetunion – auch Gelegenheit für das typisch autistische Schwadronieren der besiegten Barbaren, wieviel mehr an Kultur sie doch auszeichne, so machte man um den konkreten Gewaltakt, vielen Berichten zufolge [8] , kein großes Aufheben. Als mit der Besatzung nun einmal einher gehendes Ärgernis, dem Requirieren von Wohnraum vergleichbar, mußte mit dessen Folgen pragmatisch umgegangen werden: erstmals wurde in Deutschland, mit Unterstützung der verantwortlichen Stellen, das Abtreibungsverbot lax gehandhabt [9] . Bei Frauen ging die Wut im Fatalismus unter und mischte sich, weil Nötigung und Versprechen unter den Bedingungen offensichtlichen Machtgefälles schwer zu trennen sind, nicht selten mit Sympathie für den, der erst in der Rückschau eindeutig zum Peiniger wurde; der Zorn der Männer aber richtete sich, wenn überhaupt, gegen die Betroffenen. “’Gemeinnutz geht vor Eigennutz’, lautete eine der gängigsten Parolen im Dritten Reich. Auch nach der Niederlage wurde sie beherzigt: ‘Jetzt vermahnte ein zorniger Kellergenosse in einem Berliner Keller eine Frau, die sich gegen den Vergewaltigungsversuch eines russischen Soldaten wehrte, mit den Worten: Nun gehen Sie doch schon mit, Sie gefährden uns ja alle!’” [10] Noch die Verteidigung gegen eine “Schändung” [11] brachte die gleiche Schande über sie wie eine Schwangerschaft, die das geübte Totschweigen über eine stattgehabte verunmöglichte (und in der Konsequenz zu zahlreichen Scheidungen und anschließenden Selbstmorden führte): die Schande, die Männer daran zu erinnern, daß sie als pater familias, Beschützer der Frauen und Kinder, Versager waren. Vollends verschwamm ihnen das Verführerische und das Herrische des Geschlechtlichen, das als solchen denjenigen aufgebürdet wurde, die dann als “Ami-Huren” und “Russenliebchen” aus der Gemeinschaft abgespalten werden konnten, auf daß diese so körperlos bliebe, wie der an Haupt und Gliedern dezimierte Volkskörper es sich träumen ließ.

Da sie von der dunklen Seite des Körpers kein Wissen mehr bewahren wollten, konnten die Ressentiments der Landsleute nicht nur willkürlich sich konzentrieren, sondern auch willkürlich diffundieren: an Personen sich heften wie an Dinge. Erotisch besetzt war die Zigarette der 20er Jahre als flüchtiger Hauch; in den Nachkriegsjahren galt sie, wie schon erwähnt, als die Sache selbst. Kein laszives Als-ob, kein “Put it in your mouth and – suck”, wie Laureen Bacall ihren Lover Bogart in “To Have or Not to Have” auffordert, sondern: “Dich können sie in fünf Minuten kriegen” – ist der rauchende Quickie durch, ist die deutsche Frau, die das doch nicht tut, befriedigt. Es ist jedoch nicht die krude Symbolik der länglich runden Form, die die Zigarette zum Phallus prädestiniert. Als einziges Gut in den – im Vergleich zu den Zeiten, als man halb Europa ausplünderte, kargen – Lebensmittelrationen dient der Tabak nicht dem Überleben: Wie das ominöse Organ, das so gar nicht in den Körper eingebettet ist, dient er genau darum dem Genießen, weil sein Genuß überflüssig ist. Wie jenes Organ aber ist er zugleich Inbegriff des Profanen, Nützlichen [12] : Gerade aufgrund ihrer Überflüssigkeit konnte jeder Zigaretten auf dem Schwarzmarkt flüssig machen. Im wahrsten Sinne des Wortes war das Ressentiment gegen die phallische Verführungskraft von Zigaretten abstrakt. Es meint die abstrakte Allgemeinheit der Ware als solche, die sich im allgemeinen Äquivalent der damaligen Zeit verkörperte als der körperlose Eindringling schlechthin, der nicht bloß als verheißungsvoller Luxus aus der Fremde – “Und bringt einer noch Schokolade herbei, dann ist die Hautfarbe auch einerlei” – das Band zwischen dem Einzelnen und seinem Volkskörper lockert, sondern mit der souveränen Gewalt des Weltmarkts dessen Auflösung einfordert. In den psychischen Dispositionen der Deutschen war der Platz für seinen Auftritt seit jeher bereitet gewesen.

Die Verschiebung des bekannten Spiels, die Verführung ängstlich zu ächten, bis sie der Verfügung unterworfen werden kann, auf die Sphäre des Handels und Wandels, des Geldes als allgemeine Kopula, ermöglichte es ihnen, ihr Bewußtsein gegen jene geschlechtlichen Urbilder abzudichten, die da ausagiert wurden: insbesondere in der Reifephase, dem Übergang von der konformistischen Rebellion zur in ihr stets angelegten Kollaboration. Wie den Neurotiker das verfestigte Gespinst seiner immer weiter ausgreifenden Symptome in die Lage versetzt, ohne psychische Mucken dem einstmals verpönten Verlangen nachzukommen, konnten die Besiegten anfangen, mit den Siegern um ihren warenförmigen Phallus zu ringen: Was war schon dabei, gutes Geld zu verdienen, das sich für die Lieben daheim in Südfrüchte umsetzen läßt? Nur die Verbissenheit, mit der sie Wirtschaftswunder betrieben und dabei den amerikanischen “Schmutz und Schund” [13] draußen hielten, verriet, worum es bei der Identifikation mit der abstrakten Allgemeinheit des Geldes ging: um das dem Körper Entzogene.

Dieser kam daher zu neuen, unschuldigen Ehren. Nicht sein Wollen, sondern sein Können wurde zur Schau gestellt: wie er mit eigener Hände Arbeit die Makel der Geschichte, die Trümmer der Städte und Fabriken beiseite geräumt hat. In den ‘Helden’ des ‘Wunders von Bern’, dem Sieg bei der Fußballweltmeisterschaft 1954, den unabhängige Beobachter schon damals ahnungsvoll als Sieg der Roboter über die Spielkunst einstuften, erkannten die Landsleute sich wieder; zum Dank schenkte das Volk Kühlschränke.

Solche Körper waren zu allem fähig; auch zur reinen Liebe. Dementsprechend sah sie aus: Bewahrt war die Lektion der ersten Nachkriegsjahre, die in den Vorkriegsjahren gelernt worden war. In der Liebe wird einem nichts geschenkt; realisiert sie sich in Naschwerk und Narretei, in verschwenderischem Luxus also, ist’s Prostitution und keine Himmelsmacht [14] . Was da aber in altbekannter Manier auftrat, gereinigt von allem verworfenen Begehr, das übers Innigste ins Fremde hinaus zu treiben vermöchte, präsentierte sich zugleich als Reaktionsbildung auf vergangene Hybris: das kleine Glück im Privaten, gefeit vor der Versuchung der kollektiven Ekstase.

Nur scheinbar führte das zu einer Retraditionalisierung der Rollenbilder und der Moral; wie überhaupt die Rückkehr zum liberalen Kapitalismus der vorfaschistischen Epoche die gleiche Schmierenkomödie wie die faschistische Inszenierung selber war [15] . Weil Koketterie, Sehnsucht, Verlangen ausgeschlossen blieben, erinnerte das wieder neu errichtete traute, hochheilige Paar nicht einmal von ferne an die großen bürgerlichen Liebespaare. Fotos in den Familienalben, vor allem aber aus den oberen Gesellschaftsschichten, die es sich anders hätten leisten können, zeigen ungeschminkt die Ehe auf der Höhe der Zeit: die Unfähigkeit, die Ehefrau zur Geliebten zu erheben und den Ehemann zum Liebhaber. Die gesellschaftliche Entfaltung des Geschlechtlichen hätte die Geschlechter zu erfüllen, indem es sie durcheinander vermittelt. Der Mann, der ganz im Ernst die Frauen über alles stellen würde, wie es das männliche Begehren großspurig von ihm verlangt, verlöre nicht bloß dem Rest der Welt gegenüber Kraft, Entschlossenheit, Autorität – Männlichkeit; er hätte, wäre es ihm ganz ernst, sich zu fragen, warum er dann eine Frau zwar haben, aber nicht sein will. Der eigenen Geschlechterrolle ganz gerecht werden zu wollen, heißt an ihr zu scheitern, und in seltenen, glücklichen Momenten gelingt das auch. Dann halten die Subjekte eine winzige, ewig kostbare Zeitspanne inne, statt wie ein Esel der Rübe Identität hinterher zu hasten, die vor ihrer Nase baumelt; dann werfen sie einen kurzen, kaum faßlichen Blick darauf, was anders wäre. Vielleicht verschlägt ihnen die Perfektion den Atem, mit der eine Frau sich, heterosexistischen Klischees gemäß, mit Rouge und Ringen, Nerz und Seide, Lack und Leder fetischisiert, und sie gewärtigen, daß Verführung nicht von ihrer weiblichen Substanz ausgeht, jener qualligen Blut-und-Boden-Ideologie, der sie jahrhundertelang von Männern und neuerdings auch von ihresgleichen, in Schwitzhütten zur gemeinsamen Menstruation, unterworfen wurde, sondern von der gewählten, glänzend inszenierten Oberfläche, hinter der jedes Wesen verblaßt [16] ; vielleicht greift ihre Wahrnehmung weiter die Verwandlung des auserwählten Mannes in eine, nach einem schönen Ausdruck Balzacs, männliche Kurtisane auf, abhängig vom Glück der Liebe und aufgerufen, den schönen Schein mit gleicher Münze zu entgelten. [17]

Nichts von alledem in Deutschland. In den Stand, das Begehren zu repräsentieren, wurden, als der Führer ausgedient hatte und die Besatzer seine Stelle nicht recht einnehmen wollten, die Frauen wieder eingesetzt, doch bloß negativ: im Generalverdacht über die Weiblichkeit. Wie zur Warnung wurde in den 50ern Vera Brühne, die sich mit ihren Liebhabern schmückte, als Mörderin verurteilt, weil ihr Lebenswandel sie schuldig sprach. Identifikation mit dem Stigma führte zum Ausschluß: Die aktive Darbietung dessen, was Lust bedeuten könnte, eine der wenigen Aktivitäten, die das phallische Gesetz für sie vorsah, blieb den Frauen weiterhin versagt. Ins Haus gesperrt wurden die Mädchen daher nicht, weil das der Ort der Frau war, sondern weil sie dort als Frau nicht in Erscheinung traten – und damit nicht all die Gefahren, Schändung, Schwangerschaft, Verschwendungssucht, auf sich ziehen konnten, die unweigerlich der Weiblichkeit in der Öffentlichkeit zugeschrieben wurden. Daß es gerade über die Kleidungswahl zwischen Mutter und Tochter zu Kämpfen bis aufs Herzblut kam, ist keine Schöpfung Elfriede Jelineks [18] . Was die jungen Dinger lernen sollten: die wirtschaftliche Potenz ihrer Männer in den Einkaufsmärkten reproduktiv zu realisieren, konfrontierte die Lieben daheim öfter, als ihnen lieb war, mit den Folgen ungeschützten Warenverkehrs. Zu rasch aufgetragene Nylonstrumpfhosen, zu schicke Röcke rührten, wie unschuldig auch immer dargeboten, an die geheime Schuld der Eltern, daran, daß Reichtum körperliches Wohlbefinden wäre, aber nicht sein darf. Anders noch als Comics und Rock’n’Roll bezeichnete Mode, die zu weit ging, d.h. modisch war, vor allen Augen zudem das Geschlecht desjenigen Körpers, der nicht geschlechtslos unter dem gleißenden Flutlicht des Stadions ausgestellt werden durfte, sondern im Schatten, tief unten versteckt in Vatis Schreibtischschublade, sein Dasein zu fristen hatte, um die mühsam ausgebildete geschlechtliche Ordnung nicht zu gefährden.

Weil sie nicht hoch hinaus wollten, sondern bescheiden sich an die Rollen halten, die ihnen die Tradition vererbt hatte (so viel Geschwätz von Kirche, Abendland und Sein war nie), zerfiel den Geschlechtern ihre Identität, die sie doch so nötig hatten. Weil die, die eben noch an der Front Traktate über das Vertrauen und die Zärtlichkeit unter Kameraden verfaßt hatten und fürs abenteuerliche Plündern und Morden die Existenzgrundlage ihrer Familien aufs Spiel gesetzt hatten, unvermittelt wieder ganze Männer sein wollten, nachdem das Kriegsglück sich gewendet hatte, behaupteten sie in ihren Tagebüchern, nunmehr zum Schutze von Frau und Kind die Rote Armee zu bekämpfen. Als lausige Verlierer aber mußten sie denen, die zuvor als Ernährerinnen der Familie, an der Heimatfront und in Trümmern ihren Mann gestanden hatten und nun wieder auf ihren Platz an Heim und Herd verwiesen werden sollten, mehr aufbürden, als sie tragen konnten. Da Männlichkeit nur durch Abgrenzung zum anderen Geschlecht zu haben war, führte man den Prozeß gegen die Weiblichkeit durch alle bekannten psychischen Instanzen. Nicht einmal die Tugend sollte sie, wie einst Emilia Galotti, verkörpern dürfen; das wäre schon zuviel des Guten gewesen. Solche weibliche Domäne hätte noch als ihr entgegengesetzte an jene verworfene andere, die Repräsentation der Wollust, gemahnt. Wie aber Sündhaftigkeit ohne die geringste Chance, das Verlangen in Selbstüberwindung stillzustellen, keine ist, sondern Schicksal, das ohne Hoffnung hingenommen oder erbarmungslos ausgetrieben werden muß, so ist auch Tugendhaftigkeit ohne Versuchung keine. Möchte der kleine Mann noch so sehr als Hort der Moral groß herauskommen, gerade was die Sexualität betrifft – “fünf Jahre brauchten sie, um uns zu besiegen, euch können sie jedoch in fünf Minuten kriegen”; “ihr deutschen Frauen schämt ihr euch nicht?” -, ganz wird er es selber nicht geglaubt haben, daß er stolz auf seine Standhaftigkeit sein kann, bloß weil die Besatzer sich mehr für die Schönheiten in ihrer Umgebung interessiert haben als für ein anständiges deutsches Gemüt. Was er sich als mannhafte Leistung gutschreibt, unterstreicht bloß seine erzwungene Passivität. Schon in der Parallelisierung der fünf Jahre mit den fünf Minuten nimmt er symptomatisch hin, daß das deutsche Volk keine Geschlechterdifferenz mehr kennt, sondern alle miteinander wenn irgendwo, dann auf der femininen Seite angesiedelt sind: Verloren haben schließlich beide. Auch in den darauf folgenden Jahren, als die Nation ihre Souveränität wieder gefunden hatte (freilich fiel sie ihr eher in den Schoß), verkündete nicht allein die Landkarte mit den abgetrennten Ostgebieten noch die kastrierende Niederlage. Die Terminologie der Zeit enthüllte, was auf Gedeih und Verderb kein Mann sich ins Bewußtsein rufen durfte: daß nicht eigene Kraft das Vaterland blühen und gedeihen ließ, sondern ein Wunder, gewährt von der Wirtschaft und ihrer harten D-Mark; einem Herrn, der zu viel Eigenwilligkeit nicht gerne sah. Der Konservatismus des Slogans “Keine Experimente”, mit dem Adenauers CDU 1957 die absolute Mehrheit errang, konservierte mit seinem Appell ans Mitmachen und Stillhalten alles andere als Virilität und Machismo. Währenddessen umhüllten die Frauen ihre perhorreszierte Weiblichkeit, dank der keynesianischen Wirtschaftspolitik, die wie keine andere kapitalistische Organisationsform zum Florieren auf den privaten Konsum angewiesen war, erneut mit dem Stahlpanzer öffentlicher Produktivität und zogen gut gerüstet wie einst in die Schlacht am Wochenbett nun in die zum Sommerschlußverkauf. Gestärkt durch die sentimentale Erinnerung an die eigene Aktivität als Trümmerfrau, konnten sie ganz bei sich mit Kindern, Küche, Kirche sein und dennoch ihrer Verantwortung fürs große Ganze sicherer als die Männer, deren Demütigungen und Zurücksetzungen sie, im Gefühl falscher Überlegenheit, mit unterschwelliger Verachtung, aber ohne Protest ertrugen.

Wer auf die Suche nach einem Urbild für die bundesdeutsche Nachkriegsehe geht, wird kaum im Kanon der bürgerlichen Literatur fündig, dafür aber im Arsenal unbewußter Phantasmen. Den Wunsch, mit der Mutter eine Einheit zu bilden, die keine Wünsche offen läßt, hegt das Kind auf Gedeih und Verderb; daran erinnerten Lebensgemeinschaften, die für die Beteiligten wortwörtlich dem Zweck des (psychischen mehr noch als physischen) Überlebens dienten. Daß, wer damals heiratete, in der Regel sich nicht wieder trennte, lag in den seltensten Fällen an Liebe, die Treue nicht als Pflicht zu zwingen braucht; dafür hatte jeder mit sich selbst genug zu tun. Zu den repressiven Gesetzen, die bis zur Reform durch die sozialliberale Koalition für Scheidungen das Schuldprinzip vorsahen, gesellte sich als höchstes der Gefühle eine Anhänglichkeit arbeitsteilig aufeinander Angewiesener, die sich nicht in die Quere kamen. Immer wieder kehrt in den Erzählungen über Kindheit in den 50er und 60er Jahren das Motiv wieder, es sei in den Familien kaum geredet worden; daher der rebellische Klang des Wortes “Diskussion” für die Studentenbewegung. In der Routine eines eingespielten Alltags wurde erfolgreich jede Entfremdung der Ehepartner erstickt.

Auch öffentlich, in der stetigen Wiederwahl eines unverwüstlichen Greises zum “ewigen Kanzler”, kannten die Deutschen Veränderung so wenig wie Vergänglichkeit. Wie im ‘Tausendjährigen Reich’ wollten sie die Geschichte abschaffen; nur richtete sich der Wunsch jetzt gegen die Epoche des Faschismus selber. Im Privaten dokumentierten sie, woher sie die Kraft dazu nahmen, das Unwiderrufliche ungeschehen zu machen: Die Beziehungen, die mit der Hochzeit besiegelt wurden, verhießen die Regression auf die längst vergangene Phase, als symbiotische Abhängigkeit mit Zeitlosigkeit einher ging. Erst das Ich, das auf sich selber reflektieren kann, spürt das unerbittliche Ticken der Uhr.

So zeitlos aber die vorödipale Dyade ist, so geschlechtslos ist sie. Die Konfrontation mit der Geschlechterdifferenz als basalem Wissen, daß ein anderer anders sein kann, organisiert erst die Fähigkeit, zwischen dir und mir zu unterscheiden [19] . Das Ich wird in Frage gestellt, sobald es in der Welt ist – verdankt es seine Entstehung doch der Erfahrung, nicht alles sein zu können; nicht das, was ein anderer hat. Menschlich anverwandeln läßt sich das als Sehnsucht nach dem unbekannten Fremden, in dem das losgelassene Eigene aufgehoben ist; in Karl Kraus’, von Walter Benjamin oft zitierten Worten: “Ursprung ist das Ziel” [20] . Der Gesang Danijars in Tschingis Aitmatovs Erzählung “Dshamilja” [21] lebt von der Trauer über den Verlust seiner Heimat, die er nie wieder sehen wird; so vermag er das Herz der Titelheldin, die den Deplazierten anfangs verachtet, zu erweichen und zu entflammen. Folgerichtig muß auch sie mit ihren Wurzeln brechen, um die in der Namensähnlichkeit mitgegebene Bestimmung nicht als geschwisterliche Innigkeit, sondern als innige Liebe in einer gemeinsamen Zukunft zu realisieren. Dshamiljas kirgisischem Dorf, aus welchem sie und Danijar fliehen, wird selber wiederum, nicht unwesentlich fürs Gelingen, durch die sowjetische Industrialisierungspolitik sein idyllischer Charakter ausgetrieben und somit, befreit von der “Blutsurenge” (Marx), die weite Welt der Moderne eröffnet. – Zu Zeiten, über denen kein so glücklicher roter Stern steht, realisiert sich die Beschränkung des Ichs als Bescheidenheit. In Deutschland aber, wo die Gier, alles zu haben, so groß ist, weil keiner mit dem, was er hat, etwas anzufangen weiß, wird gerade die grundlegendste Form irreduzibler Fremdheit, die der Geschlechter, als schmerzhafte Demütigung erlebt. Xenophobie ist die folgerichtige Reaktionsweise. So fein säuberlich, wie man sich in der Nachkriegszeit nach Mann und Frau sortierte, liegt der Verdacht nahe, daß es beim Griff nach der Schublade nicht am wenigsten darum ging, die Örtlichkeiten, Tätigkeiten und Verhaltensweisen ausfindig zu machen, die die einen möglichst selten in Gefahr brachten, auf die anderen zu stoßen und an sie erinnert zu werden. Wo es sich nicht vermeiden ließ, im Verlauf einer ordnungsgemäßen Ehe, sollte es, wenn man (oder frau) schon nicht, wie in der selbstbefriedigenden Hingabe an Vaterland und Mutterboden, beide Rollen ausfüllen konnte, besser keine geben: Auch daraus speiste sich die Faszination für ein heimeliges psychisches Arrangement, das statt vorwärts zurück in die vorödipale Zeit wies und über die Substanzlosigkeit der eigenen Geschlechtsidentität, die nach außen zu ihrer umso stureren Affirmation trieb, insgeheim Erleichterung aufkommen ließ. (Später ermöglichte die Frauenemanzipation es den Männern, sich auch offen dazu zu bekennen; wenn er auch sonst nichts konnte, den Frauen nicht in den Mantel zu helfen oder keine Pralinen mitzubringen, das konnte er – ein Umstand, der mitbedacht sein will, um Phänomene wie z.B. den Erfolg der Theorie von der Dekonstruktion der Geschlechter in der Linken zu verstehen.)

Aus eigener Kraft die Symbiose zu erzwingen, stellt aber das Begehren, wie schon im Inzestwunsch, vor einen unauflöslichen Widerspruch. Das zufrieden glucksende Baby, das Kleinkind, das am Geburtstag strahlt, weil sein Bedürfnis, im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen, erfüllt ist, läßt den Erwachsenen nicht ganz zu Unrecht zum Bild des Sonnenscheins greifen: Für einen, der sich als Nabel des Universums bestätigt sieht, darf er die Welt repräsentieren, die ihn umkreist. Die Enge des eigenen Horizonts wird durchbrochen vom Wunsch, der keine Grenzen kennt; ein Grund, warum es im Land der Sozialpartnerschaft, der maßvollen Lohnerhöhungen und des Bausparvertrags den Kindern schlecht erging [22] . Wer aber im reifen Alter sich verhält wie der Säugling, der seine Rassel um des Vergnügens willen, andere sie wieder aufheben zu sehen, wegwirft, kann sich nicht darauf berufen, von Bedürfnissen anderer nichts gewußt zu haben; dessen Genuß besteht gerade in deren Beschränkung. Der mißgelaunte Haustyrann, der bei Tisch und im Bett Widerspruch so wenig duldet wie Parteienhader im Staat oder Extrawürste für Wichtigtuer, die aus der Reihe tanzen, stellt als ständig übervorteilter kleiner Mann von der Straße, dem die da oben mehr aufs Maul schauen sollten, eine groteske Karikatur von Freuds “his majesty the baby” dar; nur daß sein Verlangen nicht mitreißt, sondern abstößt [23] . Ihm kaum nach steht die hartgesottene Hausfrau, die gar nicht auszusprechen braucht, daß man für alle ihre Opfer sie nie angemessen wird belohnen können, weil es ihr als stummer Vorwurf ins Gesicht geschrieben steht; als keifende Alte wird sie bedauern, keinen Versehrtenausweis zu besitzen, der ihr erlauben würde, wie einer der Autoren im Bus es einmal überhörte, “das Negerweib von seinem Platz zu verscheuchen”. Das findet sich nicht einfach ab damit, daß Glück im Bauplan dieser Welt nicht vorgesehen ist. Das leistet sich den Luxus – man gönnt sich ja sonst nichts -, die unerträglichen Leidenschaften leidenschaftlich zu exorzieren. Übrig bleibt die Freude am Leiden. Nicht revolutionäre Maßlosigkeit, nicht der Entschluß, sich keinesfalls mit dem Stück Kuchen den Anspruch auf die ganze Bäckerei abmarkten zu lassen, treibt die beschriebenen Figuren an, eine Figur aus ihrer frühen Kindheit wieder auferstehen zu lassen. Was da, mit den Entstellungen und Dekompositionserscheinungen, die an Untoten zu erwarten sind, zu neuem Leben erweckt wird, der Anspruch auf alle Wunscherfüllung dieser Welt, ist gerade der Weg, die Familie in eine Bastion gegen das Begehren zu verwandeln; zum Kreis der Lieben ist nur willkommen, wer, wie einst die primären Bezugspersonen, einen Schutzraum gegen die fremde Lieb’ im Leibe bildet.

Und sind sie nicht willig, so braucht es Gewalt. Die verschworene Familiengemeinschaft war eine Lüge, die wahr werden sollte: Ehemann oder Ehefrau, Sohn und Tochter, zu verdächtigen, daß sie einem selber die Butter auf dem Brot nicht gönnen und erst recht nicht das armselige Glück, anderen das Glücksverlangen zu bestreiten, lag in der Natur der Sache. Auch in der imaginären Symbiose sind die beiden Pole, einmal symbolisiert, nicht mehr austauschbar, sondern ausdifferenziert. Ein Machtwort stellt, auf Kosten der Schwächeren, klar, wer Kopf ist und wer verlängerter Arm; nur muß dieses dann, weil klare Verhältnisse nicht erwünscht sind, wieder aus dem Gedächtnis getilgt werden. The desire to end all desires ist ein Widerspruch, der unauflösbar mit Schuld verstrickt ist; dem Kind wird das in der ödipalen Tragödie entdeckt. Ein Freispruch für ihre orale Gier war für die Landsleute nur zu erlangen, wenn sie ihre Fiktion, in diesem Drama nie eine Rolle gespielt zu haben, mit Zähnen und Klauen verteidigten. Ihnen bedeutete das Streben nach der Vereinigung mit dem mütterlichen Leib, wie sie es unbewußt immer und immer wieder durchspielten, nicht in einem Herausforderung und Anerkennung des Begehrens des Anderen, wie vom väterlichen Gesetz gefordert. Vielmehr beanspruchten sie, mit aller Autorität, die ihnen verblieben war, damit den entscheidenden Schritt zurück zu tun, dorthin, wo das Nein ungehört verhallt; umso mehr, als die erborgte Unschuld nicht allein Mittel, Steine auf sündige Andere zu werfen, war, sondern zugleich Zweck.

Der gleiche, widersprüchliche Inzestwunsch, der im Nationalsozialismus die Aufgabe der Individualität in der widerspruchslosen Einheit mit dem Volkskörper meinte, schloß, übertragen auf den Staat im Kleinen, die Nachkriegsfamilie, den Lehrherren selber aus. Die Deutschen mußten sich nicht ändern, um anders sich darzustellen, als die Welt sie kennengelernt hatte. Die alte faschistische Tugend der Reinheit, oder, in Himmlers Worten, “das alles mitgemacht” zu haben “und dabei anständig geblieben” zu sein, reichte aus, um sich, mittels “Persilschein” der neuen Herren, sauber und entnazifiziert zu fühlen. Ihr Plädoyer, Widerstand wäre unmöglich gewesen, sonst wäre man in die KZ’s gekommen, von denen darüber hinaus niemand etwas gewußt hätte, erinnert dabei “an die Verteidigung des Mannes, der von seinem Nachbarn angeklagt war, ihm einen Kessel in schadhaftem Zustand zurückgegeben zu haben”, mit der Freud die Traumarbeit illustriert: “Erstens habe er ihn unversehrt zurückgebracht, zweitens war der Kessel schon durchlöchert, als er ihn entlehnte, drittens hat er nie einen Kessel vom Nachbarn entlehnt.” [24] Bei vollem Bewußtsein hätten sie vor der Aufgabe, das eigene Verhalten verständlich zu machen, die Waffen strecken müssen. Also führte das Unbewußte Regie; und das hat reichlich Erfahrung damit, Taten, die allemal Untaten waren, förmlich auch für ungeschehen zu erklären. Selbst wenn Schlimmeres ihnen nicht hätte nachgewiesen werden können: Daß die Deutschen nicht bemerkt haben wollen, was die Zerstörung von Synagogen und jüdischen Geschäften bedeutete, was schließlich mit den Hunderttausenden geschehen war, die aus ihrer Mitte auf Nimmerwiedersehen verschwanden – das erscheint jeder Moral der Welt schäbig und erbärmlich. Die selber unbewußte Instanz der Selbsterhaltung, die Verdrängung, aber setzt tugendsam und gewissenhaft die Abwendung des Blickes vom äußerlichen, obszönen Geschehen wie von den inneren Abgründen durch; das Es soll, wenn schon, dann blind sich hinein stürzen. Am Nacktbadestrand schaut man doch auch weg von dort, wohin es einen drängt; warum also soll das Wegschauen bei Pogrom und Deportation Sünde gewesen sein? Die Beteuerung, man habe nichts tun können, setzt die Fähigkeit außer Kraft, selbstbestimmt Geschichte zu schreiben; auch die eigene. Mehr noch sich selber als ihren neuen Herrn gaben die Deutschen frisch, fromm, fröhlich, frei zu Protokoll, welch kleine und schwache Wesen sie immer schon gewesen seien – so klein und schwach wie damals, als das Schreckensbildnis, das sie sich vom heimlichen Treiben der Großen gemacht hatten, aus dem Bewußtsein, das es gestiftet hatte, verbannt worden war, um es nicht zu gefährden; als die Symptome, um des lieben Seelenfriedens willen, verkündeten, nicht stocksteif vor Anspannung habe man dem beigewohnt, sondern ungerührt; als sie der Erregung, die ihnen in die Glieder gefahren war, Herr wurden, indem sie deren Verursacher phantasmatisch außerhalb ihres psychischen Machtbereichs ansiedelten, zugänglich allein dem Zwang zur Wiederholung [25] .

Die Weigerung, Kontinuität im Bewußtsein zu bewahren und Verantwortung fürs eigene Handeln zu übernehmen, die Absage an die fundierenden Elemente von Individualität, wurden libidinös unterfüttert durchs angemessene, vorsubjektive Triebschicksal. Den Beteuerungen, von den Exzessen einer kleinen Clique unbefleckt geblieben zu sein, ging es nie nur um politische Unschuld. Was an den Besatzern und ihren Waren bebildert worden war, wurde in die Vergangenheit verlängert: daß es sich beim Phallus um eine fremde, vom Körper abstrahierte Macht handelt, die hinter dem Rücken der Gemeinschaft deren Begehren ausrichtet. Vor der Folie der “Ami-Hure” verkehrte sich die vorbildliche Treue für den Führer in weibische Flatterhaftigkeit, wie in der Kurzgeschichte eines Herbert Eisenreich, die 1967 unter dem täppischen Titel “Die neuere (glücklichere) Jungfrau von Orleans” erschien [26] . Geschildert wird das Leben einer Frau, deren Überzeichnung sie wohl als Prototypin ausweisen soll, wie sie im deutschen Buche steht. In den ‘roaring twenties’ tanzte sie Charleston und Tango, trug Bubikopf und rot lackierte Fingernägel, hatte wechselnde Affären; und “selbstverständlich rauchte sie, sehr stark sogar.” Als ihr Lebenswandel, wie könnte es anders sein, sie verfallen läßt, ganz wie die ständigen Regierungswechsel die Weimarer Laissez-faire-Republik, will kein Mann sie mehr heiraten; da drückt Hitler ihr die Hand. “Von Politik verstand sie immer noch nichts, aber sie glaubte an jenen Mann, der ihr die Hand gedrückt hatte, und dachte schon nicht mehr an all die Männer, die nicht mir ihr schliefen.” Zur Volksgenossin mutierend, legt sie “wie ein Schauspieler” ihre bisherige Existenzweise ab, “außer dem Rauchen”, und das stellt Kontinuität auch in der abschließenden Transformation her. Gegen Kriegsende fährt sie auf dem Motorrad, “vier Panzerfäuste gegen die Brust gepreßt, wie sonst eine Mutter ihr Kind, der 3. US-Armee entgegen.” Weil aber ihr Fahrer ins Schleudern kommt, begegnet sie ihrem ersten GI waffenlos und halb betäubt vom Sturz. Sie sieht einen “sehr großen, wuchtigen Mann […] seinen kurzen Karabiner hielt er, den Lauf nach unten, so leicht wie eine Peitsche.” [27] Nur logisch, daß sie sofort kapituliert; natürlich mit den Worten: “Geben Sie mir wenigstens eine Zigarette”, die der Ami richtig zu deuten weiß. Bereitwillig folgt sie ihm hinter den Busch, später in den Heuschober, wo die Soldaten Schlange stehen. “Während Millionen deutscher Soldaten abschnallten und nach Osten und Westen in die Gefangenschaft marschierten, […] kam sie also in diesen paar Tagen [nach dem 8. Mai 1945; d.A.] auf weit über hundert Päckchen, mit denen sie sich dann über die schlimmste Zeit hinweg helfen konnte”, kommentiert Eisenreich zum Abschluß gesinnungsfest.

Geht es in diesem Machwerk in erster Linie auch um die Wiederaufnahme des beliebten Topos vom weiblichen Dolchstoß in den Rücken der Moral, um die neidische Denunziation derjenigen, denen die Kapitulation statt Gefangenschaft Sex und Zigaretten einbrachte (noch dazu bei fortgeschrittenem körperlichen Zerfall) – das Resultat wirft sein Schlaglicht auch auf die vorangegangene Geschichte. Die bemühte Ironie des Titels kontrastiert ja nicht bloß die historische Jeanne d’Arc mit ihren “glücklicheren” Nachfolgerinnen, die eben deswegen, weil sie ständig auf der Suche nach ihrem persönlichen Glück sind, zur keuschen, allein dem Vaterland zuliebe sich opfernden Tochter nicht taugen. Das Bild der Jungfrau von Orléans, der Frau, die buchstäblich wie ein Mann in die Schlacht zog, ruft die Assoziation an die auf den Kopf gestellte Ordnung der Geschlechter wach. Der Waffengang auf dem Motorrad, die anstelle des Kindes an die Brust gepresste ‘Braut des Soldaten’, vor allem aber das Rauchen weisen die Protagonistin als eine aus, die, ob mit Bubikopf-Frisur oder nicht, nicht weiß, was sich für eine Frau geziemt, eine deutsche jedenfalls. Unter tätiger Mithilfe von Nazi-Klischees wurde der Nationalsozialismus selber als Konsequenz aus Tango, Charleston und Frauenemanzipation, als artfremdes Produkt von Sinneslust und Dekadenz ausgebürgert. Die Schwäche für den Führer wurde aufs schwache Geschlecht projiziert; damit war dasjenige, das traditionell für die Repräsentation des großen Ganzen zuständig war, seine Verantwortung los. Nicht ihre Nation hatte eine schmachvolle Niederlage erlitten, bloß die willig sich niederlegenden Frauen; und damit stand fest, an wen auch die für Männer doppelt peinliche Tatsache, ein schlechtes Charlie-Chaplin-Imitat angehimmelt zu haben, delegiert werden konnte. Weibliche Hingabe dort, wo sie nicht hingehört, war es gewesen, das den Wüstling seinen Triumph beschert hatte. (Die wissenschaftliche Erkenntnis, daß die Frauen, denen 1919 bekanntlich erst das Wahlrecht verliehen worden war, Hitler an die Macht gebracht hätten, erfreut sich bis heute einiger Beliebtheit.) So war es quasi eine antifaschistische Großtat, eine Tat also, um den neuen Machtverhältnissen Rechnung zu tragen, als Ehemann sich an die Stelle des Tyrannen zu setzen und mit harter Hand das Begehren so zu bändigen, daß es nicht noch einmal den Rahmen der Familie sprengen konnte.

Mit der Zeit aber, die es brauchte, die Frauen wieder an ihren Platz zu verweisen, schwand die misogyne Angst vor dem, wozu sie fähig wären. Die Geschlechter ertrugen sich in ihrer Schwäche; entsprechend begann die Rede von den Vergewaltigungen im Osten das Getuschel über die “Ami-Huren” zu übertönen. Damit wandelte sich auch das triebhafte Bild der Vergangenheit: Als unschuldige Opfer sprachen die Frauen fürs Volk. Anstelle der vielen Täterinnen trat ein einziger Täter, der zwar mit Vornamen Iwan hieß, aber – geheimer Sinn deutscher Totalitarismustheorie [28] – mit Nachnamen ebenso gut Hitler. Walser wußte instinktiv, warum er in seiner Friedenspreisrede beharrlich von der “Schande” der Deutschen zu raunen hatte, statt ihre Verbrechen beim Namen zu nennen; denn zur Schande gehört allemal ein Schänder. Ihren Führer stilisierte die ehemalige Gefolgschaft zum Vergewaltiger, dem man sich nicht der weichen Knie wegen hingegeben habe, sondern um den Rasenden zu besänftigen – gaben nicht Polizisten und besorgte Väter ihren Töchtern mit auf den Weg, im Falle des Falles lieber mitzumachen, um, wie es allerorten hieß, Schlimmeres zu verhüten? [29] Hatte man nicht, gestraft genug damit, die Last eines Geschehens zu tragen, dem man hilflos ausgeliefert gewesen war, wenigstens das Recht, sich fremdes Herumschnüffeln in der eigenen Vergangenheit zu verbeten? – Besonders toll trieben es in dieser Hinsicht die Österreicher, die sich als erstes Opfer jenes Mannes gerierten, den sie einige Jahre zuvor noch jubelnd wie die Backfische auf dem Heldenplatz empfangen hatten. Daß die westliche Welt ihnen die Inszenierung abnahm wie die östliche der DDR die vom unbefleckt gebliebenen werktätigen Volk, stachelte die Westdeutschen umso mehr an. Die leere Stelle, den die dunklen Jahre zwischen 1933 und 1945 im Bewußtsein hinterließen, da noch die Alliierten die Ahnung vermittelten, daß Selbstreflexion, der Blick auf sich selbst durch die Augen anderer, nicht die gewünschte Identität zutage fördern würde, harrte ihrer Ausfüllung. Unter den Phantasmen, die sie am Fließband produzierten, nahmen daher jene einen herausragenden Platz ein, die Kontinuität im Umbruch stifteten: Wenn der Inbegriff völkischer Intimität, der Faschismus, selber als rücksichtsloser Störenfried imaginiert werden konnte, der das innige Verhältnis der Sprößlinge zu der Gemeinschaft, der sie entstammen, aus dem Gleichgewicht gebracht hatte, so würden die bewährten Abwehrmechanismen schon greifen. Die Faszination, mit der die Deutschen dem Triebleben der Nazis sich widmen, wie unlängst in der schlagzeilenträchtigen Enthüllung, Hitler, der impotente Teppichbeißer, sei darüber hinaus auch noch schwul gewesen, aktualisiert das entsprechende Ressentiment. Als Urbild des perversen Sittenstrolches aber ist unschwer der obszöne Herr der Urszene zu erkennen, der die Deutschen um die unschuldige Liebe zum Vaterland gebracht hat, um das unbefangene Verhältnis zur eigenen Geschichte, gar um den pommerschen oder schlesischen Mutterboden, von dessen nährender Krume, eilig in eine Urne abgefüllt, die Mehrheit der “Vertriebenen” nicht lassen konnte. Weil die Identifikation ihnen versagt war, verlegten sie sich aufs Gejammer, zu dem sie sich auch sechzig Jahre später noch gezwungen sehen – Mimikry auf die kindliche Sehnsucht, vor dem Schrecken zurück in die Geborgenheit zu fliehen. Freilich zollte die Rede vom unwiderstehlichen Nationalsozialismus, der jedes Volk verführt hätte und dieses eine tatsächlich in die Knie zwang, insgeheim Hochachtung; doch die Freude an sentimentalen Erinnerungen fand, wie jede pornographische, im Verschwiegenen statt. Nur am stillen Örtchen, auf öffentlichen Toiletten, finden sich, in Form der immer wieder kehrenden Graffiti über jüdische und arische Pimmel, Spuren davon. In trauter Eintracht aber, in der “formierten Gesellschaft”, dem “Modell Deutschland” (oder wie immer sich das Land der Sozialpartnerschaft gerade nannte) und dessen Familien, galt die Maxime von Franz-Josef Strauß: “Ein Volk, das diese wirtschaftlichen Leistungen erbracht hat, hat das Recht, von Auschwitz nichts mehr zu hören”. Sie wollten nur ihre Ruhe haben; Ruhe nicht zuletzt vor den obszönen Ansprüchen des eigenen, abgespaltenen Größen-Ichs, das die Niederlage des kleinen Mannes nicht verwunden hatte, und vor den Verlockungen der Lust, die ihnen nur in ihrer nationalsozialistischen Gestalt vor Augen stand.

1 Zit. nach Ebermann / Trampert, “Zum Städtele hinaus”, konkret 11 / 91

2 Selbst die kollektive Ekstase ist nicht gänzlich aus der Öffentlichkeit vor die Fernsehschirme abgedrängt worden. Wer wollte, konnte wie 1991 so auch 2003 die Freude auf den Straßen erleben, daß endlich Krieg sei. Bei gutem Wetter saßen sie, in sicherer Erwartung der kommenden Blutbäder, mit der Klampfe auf der Straße und teilten mit Nachbarn, Eltern, Lehrern und Kanzler ihre Emotionen – die Wut über die nur zu bekannte Anmaßung der USA, antisemitische Regime zu bekämpfen; die Sorge um die Friedhofsruhe, die sie Frieden nennen, auch und gerade dann, wenn sie, wie in Jugoslawien, erst durch die eigenen Truppen hergestellt werden mußte; die moralische Überlegenheit, die durch Heuchelei nicht etwa in Frage gestellt, sondern erst recht gegenüber denen, die um ihre weltpolitischen Interessen nicht herumreden, unter Beweis gestellt wird. Zu Ende war das Erlebnis, als aus dem in angedrehter Hysterie herbeigeredeten Flächenbrand im Nahen Osten nichts wurde, weil die Irakis besseres zu tun hatten, als für ihren Diktator zu kämpfen.

3 Zit. nach Susanne zur Nieden, “Erotische Fraternisierung”, in Hagemann / Schüler-Spingorum, “Heimat – Front”, Frankfurt / M. 2002, S. 314

4 Zit. nach zur Nieden, a.a.O., S. 313

5 Kurt Fischer, “US-Zone 1947”, zit. nach zur Nieden, a.a.O., S. 315f.

6 zit. nach zur Nieden, a.a.O., S. 318f

7 Wie sich die Rolle der Väter in der Nachkriegsgesellschaft wieder verschiebt (wie überhaupt manches Ergänzende zu diesem Aufsatz), findet sich in Dehnert / Quadfasel, “Wenn der braune Großvater erzählt”, in: initiative not a love song, “Subjekt. Gesellschaft”, Münster 2001

8 Vgl. zum folgenden auch Atina Grossmann, “A Question of Silence: The Rape of German Women by Occupation Soldiers”, in: Moeller (Ed.), “West Germany under Construction”, Michigan / USA 1997 – ein Aufsatz, dem die Gratwanderung zwischen Feminismus und Antifaschismus beispielhaft gelingt, in einem hervorragenden Buch.

9 Eine Liberalisierung, die, wie so vieles in diesem Land, nur statthaben konnte als Modernisierung des Wahns: Ärzte überzeugte man zum Eingriff am besten mit der Angst vor einem Russenbastard; und die war, wie private Briefe bezeugen, selten geheuchelt.

10 Wolfgang Pohrt, “Endstation”, Berlin 1982, S. 24; das Zitat stammt aus Grunberger, “Das zwölfjährige Reich”, Wien u.a. 1971

11 An ihrer Sprache sollt ihr sie erkennen.

12 Das unterscheidet den Penis von der Klitoris, die ja weder zur Forpflanzung noch zur Harnentleerung dient, sondern tatsächlich nur dem Lustgewinn – für die jeweiligen psychischen Repräsentationen von nicht zu unterschätzender Bedeutung. Da es an dieser wie an anderer Stelle aber ohnehin nicht um die Organe, sondern deren imaginäre und symbolische Funktionen geht, sei diese kurze Bemerkung nur als Rückversicherung gegen Phallozentrismus-Vorwürfe eingestreut, nicht aber systematisch ausgeführt.

13 Gegen den sogar ein Gesetz erlassen wurde

14 Zur Kritik an der sehr deutschen Vorstellung, daß die Liebe nichts kosten darf, vgl. das Kapitel “Geld und Liebe bei Balzac” in: Wolfgang Pohrt, “Der Geheimagent der Unzufriedenheit”, Berlin 2 1990, S. 45-62

15 In Szene gesetzt hat diese Rückkehr Hitchcock in seinem Film “ Notorious ”: Ingrid Bergmann soll in den ersten Nachkriegsjahren den Freund ihres mit den Nazis sympathisierenden Vaters, den Chef einer fünften Kolonne ausspionieren – und als er sich in sie verliebt, zu diesem Zwecke auch heiraten. Das bringt nicht nur das designierte Paar Bergmann und Cary Grant aus-, sondern auf obszöne Weise auch die Generationenfolge durcheinander. Grant aber muß sich, um die Ordnung wiederherzustellen, so hart machen wie die, deren Macht über die Gegenwart er auslöschen will: Beklemmend wirkt am Ende das gute Ende.

16 Gestaltet wird dieses Motiv in Maupassants hellsichtiger und zarter Novelle “Die vertane Schönheit” (München 2000): Die Protagonistin, eine mehrfache Mutter, wehrt sich gegen die Versuche ihres Mannes, sie erneut zu schwängern. Zu Recht vermutet sie, die als ungewöhnlich attraktive Frau beschrieben wird, dahinter die eifersüchtige Absicht, sie durch Reduktion auf ihre biologische Weiblichkeit unförmig und damit für andere reizlos zu machen.

17 Daß so ein Beispiel für Transzendenz gegeben wird, darüber mögen sich manche empören. Hauptsache, sie verwechseln ihren Wunsch nach Opposition gegen die beschränkten Geschlechterrollen nicht mit dem Aufruf, diese einfach zu ignorieren. Das bloße Leugnen bestätigt ihre Geltung, allerdings auf unvorteilhafteste Weise. Der Mann, der sich schminkt, zeigt, ob er will oder nicht, an, wie egal es ihm ist, daß ein Mann so etwas nicht tue, während die gleiche Handlung bei Frauen in der Regel dem Ziel dient, die Harmonie von Gesichtsformen und -farben zum Vorschein zu bringen, gerade ohne daß es auffiele. (Und je demonstrativer das Make-up unterstreichen soll, daß auch ein Mann sich schminken kann, desto größer die Gefahr, zu dick aufzutragen – und somit das Gegenteil von Können unter Beweis zu stellen.) Ähnliches gilt für den feministischen Aufruf, sich nicht dem Schönheitsdiktat zu beugen, sondern sich zu mögen, wie man eben sei, der die Frauen nicht nur, wie mittels der in den 70ern beliebten BH-Verbrennungen, den Launen der Natur ausliefert, gegen deren prägende Kraft auf den eigenen Körper ihr Protest sich doch eigentlich richtete. Auch Angela Merkel fühlt sich wohl mit ihrem grauenhaften Haarschnitt, ganz nach dem Vorbild ihres Mentors Helmut Kohl, der souverän ignorierte, was andere über seinen Airbag-Bauch dachten oder über seinen schlechten Geschmack in Modefragen. Es ihr gleichzutun, bringt einen in Übereinstimmung mit dem tristen deutschen Hang zum Autismus, bloß keinen unnötigen Gedanken daran zu verschwenden, seinen Mitmenschen zu Gefallen zu sein, der jeden Gang über den Kurfürstendamm oder in die Bäckerei nebenan in einen Höllentrip zu verwandeln droht; aber allemal nicht der Emanzipation näher.

18 Vgl. zu entsprechenden Fallberichten Erica Carter, “Alice in the Consumer Wonderland”, in: Moeller (Ed.), a.a.O., S. 368f.

19 Noch die Art und Weise, wie den Geschlechtern ihre Differenz gegenübertritt, konstituiert sie aufs Neue als differente: Während die Einheit von Mutter und Sohn von innen gesprengt wird, wird die von Mutter und Tochter von außen in Frage gestellt. Theoretikerinnen wie Nancy Chodorow (“The Reproduction of Mothering”) haben daraus den Schluß gezogen, den Mädchen falle die Abgrenzung als eigenständige Person, insbesondere gegenüber fremden Bedürfnissen, weniger leicht. Denkbar aber auch (und nicht notwendig im Widerspruch zu solchen Befunden), daß die gleiche Bewegung, die mütterliche, als weiblich gesetzte (Selbst-) Genügsamkeit durchkreuzt, ohne Identifizierung mit ihrem Gegenteil, dem symbolisch männlichen Gesetz, die Welt sich Untertan zu machen, zu gewähren, eine ganz eigene, maßlose und aggressive Identität stiftet – Rache für die Anmaßungen der phallischen Welt zu nehmen; eine Identität, die im folgenden erneut durchkreuzt werden muß, um die Trägerin zu domestizieren. Hitchcocks “Marnie”, dessen Protagonistin als Kind den Peiniger ihrer Mutter ermordete und anschließend, auch zu ihrem eigenen Schaden, an keine Regel sich halten kann, bis sie von Sean Connery in den Griff gekriegt wird, taugte in diesem Sinne zum Lehrstück: Warum das Dasein als Frau Gewalt nach sich zieht, solange das biologische Geschlecht der ersten Bezugsperson derart festgelegt ist, um als Transmissionsriemen der kulturellen Geschlechtsidentifizierung des sich individuierenden Kindes zu fungieren.

20 Z.B. als vorangestelltes Motto zur XIV. der Thesen “Über den Begriff der Geschichte”, in: Benjamin, Ges. Schriften Bd. I.2, Frankfurt / M. 1991, S. 701

21 Aitmatov, “Dshamilja”, Zürich 1988

22 Vgl. Dehnert / Quadfasel, a.a.O., S. 60ff.

23 Das unterscheidet ihn von den Homosexuellen, deren Begehren im psychoanalytischen Bedarfsfall ebenfalls als narzißtische Verleugnung der Kastration zu deuten wäre. Weil es aber, am anderen Geschlecht im wahrsten Sinne desinteressiert, ohne Ranküne auskommt, bewahrt es der Möglichkeit nach seinen Teil des Großartigen an der frühkindlichen Wunschproduktion: die Weigerung, sich mit einer Welt zufrieden zu geben, in der dem Topf der Deckel und jedem sein Platz zugewiesen wird. Den Normalos, denen die Lust am eigenen Geschlecht als die wahrhaft fremdartige gegenübertritt, verfolgen die Perversen, die dafür haftbar gemacht werden, mehr noch und anders als das Kind als Konkurrenten; im Vorwurf der Verschwendung (an die Schwulen, sie würden sich in dunklen Hinterzimmern, ungeachtet der Folgen, an ihre Lust verschwenden, an die Lesben, sie verschwendeten ihre Lust, die ohne Folgen bliebe) tritt verzerrt zutage, worum es dabei geht. – Ob die subversive Möglichkeit zur Wirklichkeit wird oder ob die Homosexualität, aus Angst, ohne Schutz aufzufallen, alles daran setzt, unter die an der Heterosexualität entwickelten Kategorien subsumiert zu werden, ist eine Frage der Praxis, keine der Natur der Sache, und diese Frage wird derzeit vom schwulen Mainstream, der die klassische Aufteilung in aktiven und passiven Part in der Homo-Ehe besiegeln will, in aller Deutlichkeit beantwortet. Für die kritische Analyse dieser Kategorien bleibt das homosexuelle Begehren, wenn es auch als mit jenen nicht identisches nur mehr Marginalie bleibt, als sich mit ihnen identifizierendes von Bedeutung: als Vexierspiegel, der anzeigt, was Heterosexualität ist und was sie genauso gut sein könnte. Das umfaßt die Utopie mit ein: Daß Liebe heißt, im Fremden das Ähnliche zu gewahren und im Ähnlichen das Fremde, wird nirgends sinnfälliger als in der gleichgeschlechtlichen; ebenso, daß der Fähigkeit, Begehren zu erwecken und Befriedigung zu beschaffen, der Zirkulation des Phallus, keine Schranken durch die organische Ausstattung der Geschlechter gesetzt sind.

24 Freud, “Die Traumdeutung”, Studienausgabe Bd. 2, Frankfurt / M. 2000, S. 138f.

25 In den seltensten Fällen werden die Deutschen von alleine tätig, selbst wenn es in Überzahl gegen ihre ausgemachten Feinde geht. Immer braucht es den verkrachten Intellektuellen, Künstler oder Sohn der herrschenden Klasse, das veräußerlichte Über-Ich des Autoritären, um das Programm zum Pogrom zu liefern. Schön sichtbar ist das an ihren aktuell gelehrigsten Schülern, den islamistischen Massenbewegungen (die im übrigen beweisen, daß ‘deutsch’ kein biologisches Merkmal darstellt, sondern eine Charakterformation). Die Verdammten stehen zwar Gewehr bei Fuß, aber losschlagen, sich und andere in die Luft sprengen tun sie erst auf Geheiß des Imams oder des Ölmilliardärs, den väterlichen Sachwaltern der Autonomie.

26 Alle folgenden Zitate nach zur Nieden, a.a.O., S. 316f.

27 “Mein Gott, ist das beziehungsreich, ich glaub’, ich übergeb’ mich gleich”, wie es so schön bei Robert Gernhardt heißt.

28 Die Gleichsetzung von rot und braun, das Mitleid mit den Landsleuten im Osten, die weiterhin unter einem mindestens ebenso greulichen Schreckensregime zu leiden hätten, diente ja nicht bloß der Relativierung des nationalsozialistischen Vernichtungskrieges. Die Stilisierung zu Leidtragenden zweier Diktaturen, die den neuen Machthabern so wehrlos ausgeliefert wären wie den alten, sprach, stellvertretend fürs gesamte Volk, die Brüder und Schwestern von drüben, die in den ziemlich freien Landtagswahlen von Sachsen und Thüringen immerhin zur Hälfte den Kommunisten ihre Stimme gegeben hatten, von jeglicher Verantwortung für die Politik frei; ein Gesichtspunkt, unter dem auch die hysterische “Bewältigung der SED-Vergangenheit” in den Jahren nach 1989 einmal genauer untersucht werden sollte.

29 Die zeitgemäße Form jener unheimlichen Aufforderung zur Unterwerfung, die auch in ihrer damals verbreiteten Version keinesfalls verschwunden ist, besteht im Ratschlag, den Vergewaltiger doch wenigstens zur Benutzung eines Kondoms zu bewegen.

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