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Wenn Deutsche zu sehr lieben (Teil 2 von 3)

In Artikel on 1. Januar 2003 at 20:34

Sexualität und Geschlechterverhältnis im postfaschistischen Deutschland

„Der Habicht Mutter und der Bussard Omutter verbieten dem ihnen anvertrauten Kind das Verlassen des Horstes. In dicken Scheiben schneiden sie IHR das Leben ab,…(S.45)

Sie haben im weitem Umkreis Späher unter Vertrag, die das Betragen des weiblichen Kindes außerhalb seines Hauses ausspionieren und bei einem Schalerl Kaffee vor den weiblichen Erziehungsberechtigten gemütlich auspacken….Dann sagen die Kundschafterinnen, was sie beim alten Stauwehr gesehen haben: das kostbare Kind mit einemStudenten aus Graz! Das Kind wird jetzt nicht mehr aus der häuslichenUmhüllung herausgelassen, bis es sich gebessert hat und dem Mann abschwört.“ (S.44)

Erika, die Tochter vom Habicht Mutter und vom Bussard Omutter ist die Klavierspielerin von Elfriede Jelinek. Als Klaviervirtuosin gescheitert, lehrt sie am Wiener Konservatorium.

Mitte dreißig wohnt sie mit der Mutter und teilt mit ihr das Schlafzimmer. Der Vater ist an der Ehe irre geworden und deshalb im Irrenhaus. Die allmächtige Mutter verfolgt die Tochter und wacht über ihre sozialen Beziehungen, auf daß diese nicht zu eng werden. Erikas Körper ist nicht der ihre. Schmücken darf sie ihn nicht, Kleider kaufen auch nicht, Sex haben sowieso nicht. „Nur mit IHREM Können und IHREM Wissen wird sie je einen Menschen fesseln können, droht die Mutter in gemeinsterWeise. Sie bedroht das Kind mit Erschlagen, sobald es mit einem Manngesichtet werden sollte. Am Ausguck sitzt die Mutter, kontrolliert,sucht, rechnet nach, zieht Konsequenzen, straft.“ (S.104)

Ganz sollen sie und ihr Körper der Mutter gehören. Da der enteignete Körper nicht spürbar ist und ein heimliches Erkunden des Körpers im Bett der Mutter undenkbar, schneidet sie sich im Bad mit einer Rasierklinge – das Einzige, was wohl vom Vater in der Wohnung übrigblieb-die Schamlippen auf. „E rikawürde die Grenze zu ihrer eigenen Ermordung gern überschreiten.“(S.135) Doch wird ihr Körper ihr dadurch nicht vertrauter. „Wie üblich tut nichts weh. Sie schneidet sich jedoch an der falschen Stelle…Sie muß erstmal die Blutung zum Stillstand bringen und bekommt dabei Angst. Der Unterleib und die Angst sind ihr zwei befreundete Verbündete…Die Mutter kann kontrollieren, ob sie ihre Hände des Nachts auf der Bettdecke behält oder nicht, doch um dieAngst unter Kontrolle zu bekommen, müßte sie ihrem Kinderst die Schädelkapsel aufstemmen und die Angst persönlichausschaben.“ (S.111/112)

Einen anderen Teil ihres Sexuallebens treibt sie sich in voyeuristischer Absicht nachts in Autokinos herum und besucht Pornokinos und Peep- Shows. Bis einer ihrer Studenten, Walter Klemmer, sich in sie verliebt.

„Klemmer schildert Erika eine utopische Partnerschaftlichkeit, durch liebende Gefühle gut gewürzt…Erika will erst nach einer Irrung und nach Wirrnissen geliebt werden, gibt sie an. Sie spinnt sich ganz in ihre Gegenständlichkeit ein und sperrt ihre Gefühle aus.Die Kredenz ihrer Scham, den Kasten ihres Unbehagens hält siekrampfhaft vor sich hin, und Klemmer soll diese Möbel mit Gewaltwegrücken, um zu Erika zu gelangen.“ (S.266)

Bei Erika, die nächtlich ihre Mutter im gemeinsamen Bett vergewaltigt und ihrem Freund Klemmer keinerlei Annäherung gestattet als eine sadistische, ist Sex allein gewalttätig. Fortan versucht sie Klemmer zu beherrschen, bis dieser sie vergewaltigt und Erika am Ende zur Mutter zurückkehrt.

Erika und ihre Mutter scheinen nicht geeignet, als klassisches Beispiel einen Blick auf die Lage von Geschlechtern und deren Verhältnis zueinander zu eröffnen. Kennen wir alle derartige Frauenzwangsgemeinschaften von Müttern und Töchtern, die haßerfüllt nicht voneinander lassen können und die Töchter das mütterliche Haus niemals verlassen, um anderes zu finden, so sind die Gemeinschaften von Frauen und Männer mit und ohne Kinder erstmal das Normale.

Und doch erhellt diese grausame Zweisamkeit, wie sie in der Klavierspielerin dargestellt ist, meiner Meinung nach einen Aspekt der sich auch in anderen Mutter- Tochter- Beziehungen finden läßt, in der der Vater nicht ohne Grund fehlt.

Anders als im Märchen gibt es neben der bösen Hexe für Erika nicht noch eine zweite gute, behütende Mutterfigur, die sie beschützt, ebensowenig den Ritter, der sie auf seinem Pferd mit davon nimmt. Vollkommen ausgeschlossen ist der Vater, der der Tochter seinen Segen geben könnte. Der Vater von Aschenputtel bringt seiner Tochter gleich einem Verehrer Aufmerksamkeiten von seinen Reisen mit nach Hause, um ihr das Leben dort ein klein wenig erträglicher zu machen, später stirbt er. Der Vater von Erika ist von Anfang an so gut wie tot.

Doch Erika sei nun auch von uns vorerst im Stich gelassen. Aber sie hat uns den Weg zur allmächtigen Mutter, der ausgelieferten sexuell pervertierten Tochter und dem Vater, der gar nicht da ist sowie dem verschwindenden Begehren gewiesen, und sie wird uns weiterhin als Beispiel dienen.

In „Über die weibliche Sexualität“ nimmt Freud eine Einbindung zweier neuer Beobachtungen im Bereich der ersten Mutterbindung in das bisher von ihm erschlossene Bild der weiblichen Sexualität vor. So bemerkt er, daß eine starke Vaterabhängigkeit nur Folge einer ebenso intensiven Mutterbindung der präodipalen Phase sein kann und letztere zudem mehr Raum beansprucht als bisher angenommen. „Wenn das kleine Mädchen durch den Anblick eines männlichen Genitales seinen eigenen Defekt erfährt, nimmt sie die unerwünschte Belehrung nicht ohne Zögern …an. Wie wir gehört haben, wird die Erwartung, auch einmal ein solches Genitale zu bekommen, hartnäckig festgehalten, und der Wunsch danach überlebt die Hoffnung noch um lange Zeit.“ (Drei Abhandlungen, S.176) Freud nimmt an, daß der Penisneid des Mädchens ein primäres Phänomen sei, d.h., daß für das kleine Mädchen bis zur Pubertät die Vagina unentdeckt bleibt. Nur die Klitoris wird wahrgenommen und als kastrierter Penis erlebt. „Wir halten uns also für berechtigt anzunehmen, daß die Vagina durch lange Jahre so gut wie nicht vorhanden ist, vielleicht erst zur Zeit der Pubertät Empfindung liefert.“(Drei Abhandlungen, S.171)

Denkbar ist aber auch, daß das Mädchen sich sehr wohl der Existenz seiner Vagina bewußt ist. So vertritt Janine Chasseguet- Smirgel in ihrem Aufsatz „Die weiblichen Schuldgefühle“, daß die Annahme, die oralen, analen und genitalen Triebregungen seien primären Charakters nicht der freudschen Annahme vom primären Charakter des Penisneides widersprechen müßte. Ihr zufolge kann das Mädchen sich sehr wohl ihrer Vagina bewußt sein und sich gleichzeitig als unvollständig erfahren.

Nach Chasseguet- Smirgel schließen sich die Annahme frühkindlicher Erfahrung weiblicher Triebregungen des Mädchens und das narzißtische Leiden an dem als unvollständig interpretierten eigenen Körper – damit die primäre Bildung des Penisneides-nicht aus.

„ Selbst wenn man annimmt, daß die weiblichen Triebe von Anfang an wirksam werden und das Mädchen ein adäquates Organ besitzt, dessen es sich mehr oder weniger klar bewußt ist[…], so kann man doch nicht bestreiten, daß sich das Mädchen in narzißtischer Hinsicht mehr oder weniger leidend als unvollständig empfindet.“ (Chasseguet- Smirgel, S.158)

Die Unvollständigkeitserfahrung rührt nicht aus der Unkenntnis über die eigene Körperausstattung, laut Chasseguet- Smirgel, sondern sie sei vielmehr aus der frühen Mutter- Kind- Beziehung zu entwickeln. Ob Junge oder Mädchen- beide erleben sich als der Mutter Ausgelieferte, jedoch zeigt diese frühe Erfahrung bei Mädchen und Jungen differente Wirkungen, die uns letzten Endes auf die Spezifik faschistischer, weiblicher Sexualität stoßen werden.

Das erste Imago der Mutter ist nicht nur das der liebenden und fürsorglichen, sondern die Mutter ist zugleich die allmächtige, die das vorerst noch passive Kind durch ihre Aktivität bedroht.

Die narzißtische Kränkung, die das Kind durch die Allmacht der Mutter angesichts der eigenen Ohnmacht erfährt, fördert die Phantasie eines bedrohlichen Bildes der Mutter, das durchaus neben einem behütenden stehen kann. Je nach den Umständen der Entwicklung des Subjektes und den realen Zügen des Objekts gewinnt die eine die Oberhand über die andere. Die Mutter wird also einerseits als omnipotente, phallische, überwältigende Mutter erlebt und andererseits als kastrierte Mutter, der – im Gegensatz zum Vater- der Penis fehlt. Die kastrierte Mutter ist zugleich die phallische Urmutter, die die Kastrationswünsche des ohnmächtigen Kindes auf sich zieht.

Weithin wird in der psychoanalytischen Theorie die Entdeckung des Kindes, daß die Mutter keinen Penis hat und demzufolge kastriert worden sein muß, als real, das Imago der phallischen Urmutter hingegen als Phantasie behandelt. Gegen diese Polarisierung wendet sich Chasseguet- Smirgel, denn dadurch würde die Dimension der omnipotenten Urmutter zugunsten der Sicht, die Mutter nur als verletzte, kastrierte zu beschreiben, vernachlässigt.

Die Ambivalenz des kindlichen Mutterimagos muß berücksichtigt werden, denn sie gewinnt insbesondere bei den – mit dem Objektwechsel- eintretenden Autonomiebemühungen des Kindes geschlechtsspezifische Bedeutung. Die Kehrseite der kastrierten Mutter, das Imago der Allmächtigen fügt sowohl dem Jungen wie dem Mädchen narzißistsche Kränkung zu, können sie doch noch nie so werden wie Mutter es zu sein scheint- und das ist bedrohlich. Doch für die Mädchen im allgemeinen mehr als für die Jungen: „Mir scheint, der Penisneid ist keine als Selbstzweck konzipierte „Männlichkeitsforderung“, sondern eine Revolte gegen die Person, die als Ursprung der narzißistisch Kränkung erscheint: die allmächtige Mutter.“ (Chasseguet- Smirgel, S.163)

Um sich Autonomie zu verschaffen, müßte das Mädchen etwas haben, was sie der Mutter ebenbürtig macht. In der Phantasie besitzt die omnipotente Mutter den Phallus, sie muß ihn dem Vater gestohlen haben und in sich aufbewahren. Hätte das kleine Mädchen auch einen Penis, wäre es der Mutter ebenbürtig und könnte ihr als ganze Person gegenübertreten.

Der kleine Junge hat einen Schwanz, den er der Mutter entgegenhalten kann- und, da er das ja nicht darf- später auch anderen Frauen. „Leise singt der Knut: du gutes Glied, du feiner Freund. Steht dabei vor dem Spiegel, schaut das Glied an und sich. Erist in prachtvoller Form. Der Körper gut definiert….Das Glied,der Körper, der Mann in hervorragender Verfassung.“ (SexII, S.141)

Das Mädchen hingegen ist ausweglos der Allmacht ausgeliefert. Erica hat nichts, was anders wäre, und ihr die ersehnte Freiheit bringen würde. „Erikas Wille wird das Lamm sein,das sich an den Löwen des Mutterwillens anschmiegt.“(S.250)

Einer ihrer Versuche, dem Willen der Mutter entgegenzutreten, ist das Kaufen von Kleidern, was sie in fetischistischer Manier betreibt.

Der Fetisch dient dazu, den Penis des Mannes oder die Klitoris darzustellen und die Kastration der Mutter zu überspielen. Er fungiert als Bewahrer des mütterlichen Phallus bei gleichzeitigem Wissen, daß die Mutter eigentlich keinen Penis hat. Der Schock dieser Entdeckung führt zur Verleugnung. In der Phantasie wird so der Phallus der Mutter aufrechterhalten, in seiner phantasmatischen Gestalt ist er – aufgrund des Wissens, daß er eigentlich nicht ist- aber nicht mehr das, was er vor seiner Enttarnung war. An seiner Statt ist nun der Fetisch.

Verleugnung und Behauptung der Kastration stehen nebeneinander. Der Fetisch wird verehrt und vernichtet zugleich. Erikas Kleider versteinern zum Phallus und reinszenieren die Kastration der Mutter. Nicht immer kann die Mutter die Ausgaben von Erika zu kontrollieren. Manchmal gelingt es Erika, sich in der Stadt ein neues Kleid zu kaufen. Nicht um es anzuziehen. Ihr Schrank ist voll von nie getragenen Kleidern. „Sie zieht sie alle nie an. Sie sollen nur hier auf sie warten, bis sie am Abend nach Hause kommt. Dann werden sie ausgebreitet, vor den Körper drapiert und betrachtet. Denn: Ihr gehören sie! Die Mutter kann sie ihr zwar wegnehmen und verkaufen, aber sie kann sie nicht selber anziehen, denn die Mutter ist leider zu dick für diese schmalen Hüften. Die Sachen passen ihr nicht. Es ist alles ganz ihres. Ihres. Es gehört Erika. …Erika hat das Kleid vorhin in der Boutique probiert, und jetzt wird sie es nie mehr anziehen. Schon kann sich Erika an den kurzen flüchtigen Reiz, den das Kleid imGeschäft auf sie ausübte, nicht mehr erinnern. Jetzt hatsie eine Kleiderleiche mehr, die aber immerhin ihr Eigentum ist.“(S.15)

In Zusammenhang mit dem nächtlichen Überwältigungsversuch der Mutter durch Erika, deren Ziel es ist, das mütterliche Genital betrachten zu können, und die dafür gewaltsam die Kleider der Mutter lüftet, gewinnen die Kleider hier die Bedeutung, die Freud in seinem Fetischismus- Aufsatz formulierte: „…die so häufig zum Fetisch erkorenen Wäschestücke halten den Moment der Entkleidung fest, den letzten, in dem man das Weib noch für phallisch halten durfte.“ ( Fetischismus, S.386)

Die Kleider ersetzen den Phallus, werden zum Fetisch, in dem Zeit und Geschichte erstarren.Kleiderleichen werden zum Phallusdenkmal. Denk immer daran, daß die Kleider mein Phallus sind, den du nicht haben kannst, denn dein Körper ist nicht für diese Kleider bestimmt, sagt Erika zu ihrer Mutter. Damit führt Erika die Kastration der Mutter auf. Und gleichzeitig auch ihre eigene. Denn nicht der Körper, an dem das Kleid hängt ist Gegenstand des Fetisch, sondern der Fetisch selbst ist Träger der Bedeutung. Der Ort, der für Erikas Kleider bestimmt ist, ist der Schrank und nicht die Straße als Laufsteg. Der Phallus wird im Vaginaschrank der Mutter eingesperrt.

Doch zurück: Der Besitz des Phallus scheint dem Mädchen der einzige Ausweg. Denn will das Mädchen den Penis nicht um des Penis selbst willen, so grenzt es sich mit diesem Wunsch gegen die allmächtige Mutter ab, die als Ursache der frühen und fortwährenden narzißtischen Kränkung ausgemacht wird. Im Penis als Phallus verdichtet sich Macht als solche, die immer schon männlich konnotiert ist und über das Sexuelle im engsten Sinne hinausweist.

Wer könnte mehr Hoffnung bringen, die Kränkung zu überwinden, als der Vater, der begehrte Liebhaber der kleinen Prinzessin. Enttäuscht wendet sie sich von der Mutter ab und dem Vater neidvoll zu. Doch wenn das Mädchen sich bisher von der Mutter und deren Phallus bedroht fühlte, wieso erbittet sie sich den Penis des Vaters- so könnte man einwenden.

Die Phantasie, die Mutter habe dem Vater den Penis geraubt, rückt in der Zeit, in der sich der Objektwechsel vollzieht, in den Vordergrund und drängt die bisherige Vorstellung, die Mutter habe tatsächlich einen Phallus, beiseite. Denn hätte die Mutter einen eigenen Penis, müßte sich das Mädchen tatsächlich nicht mit der Bitte an den Vater wenden, er möge ihr einen geben. Der Phallus wird als männlich identifiziert, und so erscheint der Wunsch danach – der mit dem Bild vom ganzen, unverwundbaren Körper verbunden wird- als Griff nach männlicher Macht.

Die Tochter möchte den Phallus vom väterlichen Körper trennen, um ihn sich zu eigen zu machen, und erwartet daher Liebesentzug und sogar Strafe vom Vater, der sich sein kostbares Teil nicht ohne weiteres nehmen lassen wird. Jeder Schritt von der Mutter weg droht einer zu sein, der gegen den Vater selbst, als Besitzer der Macht, gerichtet ist.

Der Mutter bringt das Mädchen in dieser Zeit immer mehr Feindseligkeit entgegen. Auf den Vater werden alle guten Aspekte der Mutterbindung projiziert, die bösen werden abgespalten und der Mutter zugeschrieben. Der Vater unterliegt während des Objektwechsels einem Idealisierungsprozeß, während die Mutter, ihre Brust, ihr Phallus als bedrohlich und böse interpretiert werden.

Zwar ist die Triebentmischung, also die Spaltung in gutes und böses Objekt, die Voraussetzung dafür, daß der Objektwechsel überhaupt stattfinden kann, doch die Ambivalenz der Objektbeziehungen verschwindet nicht völlig.

Der idealisierte Vater ist auch die bedrohende, strafende Instanz, und die Mutter der willkürlichen Allmacht ist ebenso die fürsorgliche mit der versorgenden Brust. „…neben der starken Liebe (des Kindes zur Mutter, S. W.) istimmer eine starke Aggressionsneigung vorhanden, und je leidenschaftlicher das Kind sein Objekt liebt, desto empfindlicher wird es gegen Enttäuschungen und Versagungen von dessen Seite. Endlich muß die Liebe der angehäuften Feindseligkeit erliegen.“(Die Weiblichkeit, S.101) so Freud.

Der Wunsch des Mädchens, dem Vater den Penis zu entwenden, um sich aus der Allmacht der Mutter zu befreien, führt zu einem Konflikt. Der Vater darf nicht das Opfer aggressiver Phantasien sein, denn er soll doch – als neuerkorenes Liebesobjekt- der Tochter in ihren Autonomiebemühungen zur Seite stehen. Chasseguet- Smirgel schreibt hierzu: “ Um die Triebentmischung aufrechterhalten zu können, neigt das Mädchen zur Verdrängung und Gegenbesetzung der Aggressionsneigung innerhalb seiner Beziehung zu Vater und Penis. Daraus resultieren spezifisch weibliche Schuldgefühle bei jeder Betätigung der sadistisch- analen Komponente der Sexualität, deren Wesen der Idealisierung radikal widerspricht.“ (Chasseguet- Smirgel, S.139)

Das sadistische Streben nach der Einverleibung des väterlichen Phallus ist Folge der Identifikation mit der phallischen Mutter.

Das Mädchen muß sich mit der kastrierenden Mutter identifizieren, d.h. mit dem sadistisch- analen Moment der weiblichen Sexualität. Die Vagina ist dann nicht die passive, empfangene, sondern die nach dem Penis schnappende, ihn verschlingende Vagina.

„brigitte und heinz stöhnen zweistimmig vor liebe. brigitte hat dabei ein unangenehmes, heinz ein angenehmes gefühl im körper….heinz hat spaß, obwohl er keinen spaß dabei versteht. brigitte hat nichts davon außer einer vagen hoffnung.brigitte hataußerdem eine vagina. davon macht sie gebrauch. gierig schnapptbrigittes vagina nach dem jungen unternehmer…“ (Jelinek, S.56,die liebhaberinnen)

Behauptet Freud, daß Mädchen wende sich von der Mutter ab, um vom Vater den Penis zu bekommen, so nimmt Chasseguet Smirgel an, „…daß der Penisneid dem Wunsch, sich von der Mutter zu befreien, vorausgeht:….Penisneid und der Wunsch, sich dem Vater zuzuwenden, würden beim Mädchen zur gleichen Zeit entstehen und von seinen fundamental weiblichen Wünschen mächtig unterstützt. Daraufhin würde es sich von der Mutter abwenden. Unter dieser Voraussetzung besteht zwischen Penisneid und erotischem Begehren des Penis kein Gegensatz, sondern Komplementarität; die Freigabe der symbolischen Befriedigung des ersteren(- des Penisneides- S.W.) bedeutet einen Schritt zur Integration des zweiten (- des erotischen Begehren des Penis- S.W.) ….Der Penisneid ist im Grunde nur symbolischer Ausdruck eines anderen Wunsches. Die Frau will kein Mann sein, sie will sich von der Mutter befreien und vollkommen, autonom, Frau sein.“ (S.165/66)

Wie einleitend bemerkt worden ist, begreift Freud die Mutter- Tochter – Bindung als prägend für das Verhältnis zum Vater. Das heißt, daß von dem Gelingen einer ersten homosexuellen Objektbindung das Gelingen der zweiten, heterosexuellen abhängt.- Man wird sich wohl darüber einig sein, daß von Gelingen in Bezug auf bürgerliche Subjektkonstitution eigentlich nicht gesprochen werden kann.-

Gestaltet sich die Mutter- Tochter- Beziehung derart, daß das Mädchen keine allzu große Frustration erfährt, und der Vater diese imstande ist aufzufangen, wird die Triebentmischung zurückgenommen, so daß sich die weibliche Psycho- Sexualität unter befriedigenden Bedingungen entfalten kann.

Faktisch werden jedoch die sexuellen Wünsche des Mädchens von der Mutter stärker zurückgewiesen als die des Jungen. Empirisch nachweisbar, daß männliche Masturbation viel früher öffentlich diskutiert wurde und von elterlicher Seite stärker wahrgenommen wird als weibliche.Eine Frustration wird für das Mädchen sein, von der Mutter nicht als sexuelles Wesen gewürdigt zu werden. Mutter und Sohn flirten, während das Mädchen zwar, ebenso wie der Junge, real von der Mutter verführt wurde, „…denn es war wirklich die Mutter, die bei den Verrichtungen der Körperpflege Lustempfindung am Genitale hervorrufen, vielleicht sogar erwecken mußte.“ (Die Weiblichkeit, S.99) Doch weist die Mutter die sexuellen Wünsche des Mädchens stärker zurück als die des Jungen.

Voraussetzung für die einigermaßen erfolgreich Subjektwerdung der Frau ist jedoch eine Mutter- Tochter- Beziehung, in der das Kind der Mutter nicht – wie Chasseguet- Smirgel formuliert- „…als fäkales Partialobjekt zur Befriedigung ihrer Manipulations- und Bemächtigungsbedürfnisse gedient hat..“ (S.163)

Ist das jedoch der Fall, kann davon ausgegangen werden, daß das Kind nicht in der Lage ist, ein tragfähiges imaginäres Bild vom Ich aufzubauen.

Erika fehlt jegliche Möglichkeit, sich selbst als Subjekt anzuerkennen, und so muß auch jede Revolte gegen ihre Mutter scheitern: „Alles, was Erika gegen die Mutterunternimmt, tut ihr sehr schnell leid, weil sie ihre Mutti liebhat,die sie schon seit frühester Kindheit kennt.“ (S.13)

Diese zärtlichkeitsverweigernde Mutter, die früher wohl nie eine homosexuelle Annäherung zwischen Tochter und Mutter zulassen konnte, eben die libidinös gehemmte Klammermutter jetzt: so eine Mutter ist die von Erika.

Ist Erika zu Beginn ohne ein begehrtes Objekt, und kann man sich auch nicht dazu entschließen, sie als begehrtes sich vorzustellen, so findet sie doch zu Walter Klemmer, den sie an der Mutter vorbei in ihr Zimmer lotst, um ihm einen Brief zu geben, in dem Anweisungen enthalten sind, wie er ihren – eh schon von ihr selbst malträtierten Körper- noch mehr schinden solle. Doch “ Erikawünscht, daß er sie jetzt innig küßt und nichtschlägt.“ (S.286) Ihr Wunsch nach Zärtlichkeit ist für sie jedoch nicht formulierbar, geschweige denn in die Tat umzusetzen.

Die erste Objektbeziehung stellt zugleich die Möglichkeit für das Kind dar, einen narzißtisch- libidinösen Bezugzum eigenen Körper zu entwickeln. Doch Erikas Mutter ist viel zu verklemmt, boshaft und sadistisch, um Erika als Spiegel eines imaginären Körperganzen zu dienen. Der entmachtete Vater kann sie durch Bestätigung und Anerkennung nicht dabei unterstützen, die Kränkung, die sie durch die Ablehnung durch die Mutter erfahren hat, zu überwinden.

Die gewaltsame Einwirkung auf ihren Körper ist der einzige Weg, die Körperoberfläche zu spüren. Beim Kind vollzieht sich die Entstehung des Ichs und die Selbstwahrnehmung in Abgrenzung zum Anderen über die Erfahrung der eigenen Körpergrenzen. Da es Erika nie gelingen konnte, ihren Körper als von der Mutter eigenständigennarzißtisch zu besetzen, kann sie die Grenzen des Körpers – und so sich – nur durch Verletzung der Körpergrenzen wahrnehmen. „Man muß seineGrenzen kennen, und die Grenze beginnt dort, wo Schmerz empfundenwürde.“ (S.271)

Deutlich wird, daß Klemmer die Position ihrer Mutter einzunehmen hat. Und in der Tat, mit dem Verschwinden des Vaters, des großen Anderen, übernimmt das Gegenüber des Masochisten die Rolle der strengen, strafenden Mutter. Der Masochist stellt die Regeln, das Gesetz auf und setzt den Quäler in die eigens konstruierte symbolische Ordnung ein. „Sie gibt die Freiheit zwarauf, doch stellt sie die Bedingung: Erika Kohut nützt ihre Liebedazu aus, daß dieser Junge ihr Herr wird.“ Da das väterliche symbolische Gesetz nie wirksam wurde, konstruiert sich der Masochist seine eigene pseudo- symbolische Ordnung. Der aufgestellte Vertrag karikiert die Kastration und stellt einen Versuch dar, das gescheiterte Gesetz doch noch zu seinem Recht kommen zu lassen. Der Quäler als grausame, phallische Mutter erniedrigt und straft die Vaterfigur, mit der sich der Masochist identifiziert. Hier zeigt sich,“daß Gewalt einerseits symbolisch vermittelt ist, aber daß andererseits Gewalt das Reale berührt, das nicht symbolisiert werden kann….Mit der Nicht- Existenz des großen Anderen, der das Subjekt in eine Identität kleiden könnte,kommen wir an einen Punkt, wo das Subjekt notwendigerweise die eigeneGeschichte entwirft, und das einzige Material, das dem Subjektverfügbar ist, ist die eigene Haut.“ (Renata Salecl)

Doch das Spiel muß kippen, denn Klemmer will nicht die sadistischen Regeln befolgen, die Maso- Erica im Namen des desavouierten Vaters errichtet- er zeigt ihr, was ein echter Kerl ist und vergewaltigt sie mit der Erklärung, sowas könne man mit einem Mann nicht machen. So war es von Erica nicht gedacht.

Taugt also auch dieser Versuch Ericas nicht, so verschwindet der Vater verschwindet doch nicht einfach. Aus der symbolischen Ordnung verdrängt, kehrt er im Realen, hier in Gestalt des Masochisten wieder, der sich für die Entmachtung bestrafen läßt.

Erika hat die Aussicht auf mütterliche Liebe längst aufgegeben. Die Mutter hatte sich besoffen, während Erika in ihrem Zimmer, mit der Vitrine vor der Türe, Klemmer – niemand heißt übrigens zufällig so- den masochistischen Liebesplan unterbreitet. Im mütterlichen Bett gibt es später mütterliche Schimpfe und Drohungen. Daraufhin spielt sich das eben schon angekündigte Szenario ab: „Erika macht einen halbherzigen Liebesversuch… Sie wirft sich über die Mutter und deckt diese mit Küssen vollauf ein…Erika küßt in die Mitte der Schultern hinein, denn die Mutter wirft ihren Kopf auf die andere Seite, wo gerade nicht geküßt wird…Aus diesem Fleisch ist sie entstanden! Aus diesem mürben Mutterkuchen… Die Mutter wirft ihren Kopf wild herum, um den Küssen entkommen zu können, es ist wie bei einem Liebeskampf, und nicht Orgasmus ist das Ziel, sondern die Mutter an sich, die Person der Mutter…Je mehr Erika küßt, desto mehr drischt die Mutter auf sie ein…Erika saugt und nagt an diesem großen Leib herum, als wollte sie gleich noch einmal hereinkriechen, sich darin zu verbergen. Erika gesteht der Mutter ihre Liebe, und die Mutter keucht das Gegenteil, nämlich, daß sie ihr Kind ebenfalls liebe, doch solle dies Kind sofort aufhören!…Die Mutter erklärt es zur Schweinerei, was die aus der Kontrolle geratene Tochter mit der Mutter aufführt…Die Tochter hat für ganz kurze Dauer das bereits schütter gewordene dünne Schamhaar der Mutter betrachten können, das den fett gewordenen Mutterbauch unten verschloß…Die Mutter hat dieses Schamhaar bislang strengstens unter Verschluß gehalten. Die Tochter hat absichtlich während des Kampfes im Nachthemd der Mutter herumgestiert, damit sie dieses Haar endlich erblicken kann, von dem sie die ganze Zeit wußte:es muß doch da sein!…Die Tochter schleudert der Mutter insGesicht, was sie soeben erblickt hat. Die Mutter schweigt, um esungeschehen zu machen.“ (S.292- 94)

Michael Fischer interpretiert diese Szene folgendermaßen:Die Mutter als Repräsentantin männlicher Macht unterliegt in einem Kampf, der ebenfalls einen Akt männlicher Gewalt darstellt. Erikas männliche Gewalt siegt über die männliche Gewalt der Mutter. Er schreibt: „Verkörperte sie (also Erikas Mutter, S.W.) bisher männliche Macht, so unterliegt sie nun einer im Sinne männlicher Macht interpretierbarenGewalt. Wie Klemmer möchte Erika an der Frau „das reineFleisch zum Vorschein bringen.“ Ihr spezielles Interesse giltdem Schamhaar und damit dem Geschlecht der Mutter.“ (53/54)

Mittels der Psychoanalyse läßt sich dieses Geschehen doch treffender fassen:nur scheinbar zielt Erikas Interesse auf das weibliche Geschlecht der Mutter. Erikas Mutter ist die phallische Frau par excellence, und Erikas gewalttätiges Bestreben ist auf den ganzen Körper der Mutter gerichtet. Was läge näher, als daß Erika sich vergewissern möchte, wo die Mutter den Phallus gelassen hat. Das Schamhaar und die Scham der Mutter können in ihrer Funktion durchaus im freudschen Sinne interpretiert werden: die Scham entstammt dem ursprünglichen Vorhaben, das Fehlen des Phallus zu verbergen.

Die phallische Erikamutter ist die, die kein Begehren zwischen Tochter und Mutter zuläßt, jede Homoerotik von sich und jede Sexualität von ihrer Tochter weist, einen geschlossenen, ganzen, phallischen Körper ohne ödipale Wunde dem Kind entgegenhält. Der gesamte Körper der Mutter erscheint als Phallus und Erikas Wunsch ist es folgerichtig, sich den ganzen Mutterkörper im Liebeskampf zu unterwerfen.

Ihre Macht ist deshalb nicht männlich, weil die väterliche, symbolische Macht die Abwesenheit des Gesetzeshüters voraussetzt. Erikas Mutter hingegen erdrückt Erika mit ihrer Nähe. Männlich mit mächtig zu identifizieren, wie Fischer es tut, führt hier nicht weiter. Die symbolische Ordnung konnte der geisteskranke Vater Erika erst gar nicht eröffnen. Die Präsenz der phallischen Mutter wirft überhaupt die Frage auf, ob der Vater auch einen Phallus hat oder nicht. Mit dem Verschwinden der paternalen symbolischen Autorität wird der Phallus, Geschlechtsidentität und Ordnung in Frage gestellt und der Vater gerät in der Bedrängnis, seine Macht immer wieder unter Beweis zu stellen. Die Repräsentation von Macht läuft bei Vätern meist in Form von Strafen, seien sie realer oder symbolischer Art. Verschwindet der Vater als der große Andere, der für das Gesetz bürgt, ist er es nicht mehr länger, der das Kind vom Platz an Mutters Seite verweist und es auf die endlose Suche nach dem Begehren schickt.

Es droht nicht mehr die symbolische Kastration, sondern der Vater wird zum despotischen Urvater, der die Existenz des Kindes durch imaginäre und reale Zerstückelungsdrohungen in Frage stellt.

Der Vater, der aus der Symbolischen Ordnung verdrängt wird, kehrt im Realen wieder.

Und zwar nicht nur als Entmächtigter sondern ebenso als despotischer Urvater. Zizek schreibt: „Wenn die „beschwichtigende“ symbolische Autorität suspendiert wird, läßt sich der tote Punkt des Begehrens, seine inhärente Unmöglichkeit, nur dadurch vermeiden, daß man die Ursache seiner Unzulänglichkeit in einer despotischen Figur lokalisiert, diefür den ursprünglichen jouisseur steht: Wir könnennicht genießen, weil er das ganze Genießen auf sichzieht.“ (Zizek, S.136)

Der Erikaurmutter ist kein Despot zur Seite gestellt. Sie ist Alleinherrscherin über Erika.

Im Gegensatz zum despotischen Urvater, der alles Genießen auf sich zieht und nichts davon seinen Söhnen und Töchtern abtritt, ist sie selbst vom Genuß ausgeschlossen. Heftig wehrt sie alles ab, was Repräsentanz des Begehrens sein könnte

Die Abwehr gegen Weiblichkeit, speziell die der Tochter, teilt sie mit den Nazis. „Das weibliche Kind war verdammt, unbedeutend, ja gefährlich zu sein, nur mit eben jener Zärtlichkeit wäre ihm zu begegnen gewesen, die die ganze Ordnung gestört hätte. Das weibliche Kind war weich und würde weich machen. Und die Frau war verdammt, denn sie war schutzlos, allein und konnte nur schmutzige Begierden auf sich ziehen.“ (Seeßlen, S.19), schreibt Seeßlen.

Der Körper des NS hatte ebensowenig mit verruchter Weiblichkeit zu tun wie mit Homosexualität. Der Schutz gegen Penetration steht an erster Stelle.

Der Sport hilft bei dem Ausbau des Körperpanzers- den Männern ebenso wie den Frauen. „Unser Sport ist für uns nicht Selbstzweck,.. Jedes Mädel muß spüren, daß es mitträgt an der Verantwortung für die Gesunderhaltung unseres Volkes.“

Keine verführerischen Frauen, sondern junge, frische Mädel mit Blumen auf den Tischen und Liedern auf den Lippen, die zu Müttern fürs Reich werden sollten.

Schreibt Hitler in Mein Kampf: „Das Ziel der weiblichen Erziehung hat unverrückbar die kommende Mutter zu sein“ so wird dies ab 1933 von BDM- Führerinnen revidiert: “ Hier muß einem Irrtum entgegengetreten werden. Es ist falsch, die Mädel ständig und dauernd „zum Muttertum“ erziehen zu wollen, das haben die meisten wirklich nicht nötig. Sie würden sich auch – lebendig wie sie sind- mit Händen und Füßen dagegen wehren, in eine Lebensordnung eingespannt zu werden, die erst in fünf oder zehn Jahren für sie verbindlich wird.“ (Martin Klaus, S.46)

So stellt Seeßlen fest: „Die Frau ist zugleich die Utopie des Mädchens und die Nostalgie der Mutter, der Mann planender Technokrat und heroischer Soldat.“ (Seeßlen, S.20)

Der faschistische Körper sollte befreit werden von Zweideutigem, Maskerade, Schmerz, und Begehren. Die Körper sind ganz geworden, Kastration und ödipale Wunde sollen am natürlichen Kollektiv der Körper verschwinden.

„Die Uniformen…ließen…jedes Mädchen als eine Ganzheit wirken, die keinen Moment eine Öffnung, ein Zeichen persönlicher Gefühlswelt freisetzen durfte…Ein Erziehungsanspruch, der nicht Beziehungsfähigkeit …des eigenen Körpers ….zum Ziel hatte, sondern die optimale Verwendungsfähigkeit …des weiblichen Körpers, ließ den Körper als etwas Fremdes und Äußerliches erscheinen, das durch strenge Formen zusammengehalten werden mußte.“ (Martin Klaus, S.56/ 62)

Das straffe Mädel kokettiert nicht mit dem Nazipapa. Die Angst vor Penetration, also die Angst davor, doch kein echter Mann zu sein, bekämpft der Vater an der Tochter. Nie würde so eine Tochter auf die Idee kommen, sich an die Schminke und die Pumps ihrer Mutter zu wagen, um den väterlichen Blick auf sich zu ziehen.

Die Verhärtung der Körper läßt auch das körperliche Verhältnis von Mutter und Tochter nicht unberührt.Ist die Mutter eine, die jegliche homoerotische Zärtlichkeit unterbindet, kann das Mädchen unmöglich ein imaginäres Bild vom eigenen Körper bilden.

„Erika, die zuschaut ohne anzustreifen. Erika hat keine Empfindung und keine Gelegenheit, sich zu liebkosen. Die Mutter schläft im Nebenbett und achtet auf Erikas Hände. Diese Hände sollen üben,sie sollen nicht wie Ameisen unter die Decke huschen und dort an dasMarmeladenglas fahren. Auch wenn Erika schneidet oder wenn sie sichsticht, spürt sie kaum etwas.“ (S.68)

Im NS betreiben Vater wie Mutter eine Entsexualisierung des töchterlichen Körpers. Ebenso wie die Mutter übt sich der Vater in der Abwehr des Weiblichen an der Tochter. Die Tochter fungiert als Hort der eigenen ausgesperrten Weiblichkeit.

Die Tochter wird zur symbiotischen Verlängerung des väterlichen Körpers. Denn ist die Tochter Teil des eigenen Körpers, kann das verwünschte Geschlecht hier bekämpft werden. Die Angst vor Penetration wird an der Tochter exerziert. Das zeigen sehr deutlich die heutigen Phantasien vom überall umherschwirrenden Begehren, oft materialisiert in der Figur des Schokoladenonkels oder des Mitschnackers. Die gab es im völkischen Kollektiv natürlich nicht, da waren die Frauen nachts noch sicher. Die Tochter als begehrensfreie Zone scheint das Unheil magnetisch anzuziehen. Bedenkt man, daß Vergewaltiger am häufigsten in dem Hort der Unschuld, dem eigenen Reihenhaus, gefunden werden, so scheint das mystifizierende Gemauschel vom Mann im Gebüsch – niemand weiß, was er da zu suchen hat, das Mädchen schon gar nicht-doch wohl eher eine Funktion für die Eltern zu haben als für das Kind. Der beste Schutz des Mädchens – denn in der Tat bekommen die Jungen die Mitschnackergeschichten wesentlich seltener zu hören- vor der Schokolade des Onkels besteht darin, schnellstmöglich die Kontrolle der Eltern wieder aufzusuchen, welche dann später der Klassenkamerad übernimmt, der das Mädchen selbstverständlich ohne weitergehende Absichten um zehn nach Hause bringt.

„Die Pubertärin lebt in dem Reservat der Dauerschonzeit. Sie wird vor Einflüssen bewahrt und Versuchungen nicht ausgesetzt. Die Schonzeit gilt nicht für die Arbeit, nur für das Vergnügen. Mutter und Oma, die Frauenbrigade, steht Gewehr bei Fuß, um sie vor dem männlichen Jäger, der draußen lauert, abzuschirmen und den Jäger notfalls handgreiflich zu verwarnen. Die beiden älteren Frauen mit ihren zugewachsene, verdorrten Geschlechtsteilen werfen sich vor jeden Mann, damit er zu ihrem Kitz nicht eindringen kann. Dem Jungtier sollen nicht Liebe, nicht Lust etwas anhaben können. Die kieselsäurigerstarrten Schamlippen der beiden Altfrauen schnappen unter trockenem Rasseln wie die Zangen eines sterbenden Hirschkäfers, doch nichts gerät in ihre Fänge. So halten sie sich an das junge Fleisch ihrerTochter und Enkelin und reißen es langsam in Stücke,während ihre Panzer vor dem jungen Blut wachen, damit keinanderer kommt und es vergiftet.“ (S.44)

Die Abwehr der Sexualität zeigt sich auch in der mißtrauischen Haltung der Eltern gegenüber den Doktorspielen der Kleinen. Ich weiß noch, daß mein kleiner Freund von nebenan unser Haus jahrelang nicht betreten durfte, weil er bei einem ebensolchen Spiel in eines meiner Arztpöttchen gepinkelt hatte. Zwar hatte ich das vorher beim Arzt auch gemacht, aber ich hatte schon die Ahnung, daß das wohl was anderes sein mußte. Also haben wir mit Möbeln meine Tür verbarrikadiert, bevor er seinen Pillermann rausholen konnte. Meine Eltern haben diesen wohl noch in der Küche gespürt. Wir hätten die Barrikade stärker machen sollen.

Töchter werden in der Abspaltung der Weiblichkeit entsexualisiert und erscheinen als Bedrohung der phallischen Körperpanzer.

Die vergiftete Emanzipation des NS bringt den Körper der Frau aus dem Haus in die öffentliche Sphäre, indem sie als Gebärmutter dem Vaterland die Kriegshelden schenkt.

Im postfaschistischen Deutschland scheint das Kinderkriegen eher Privatsache zu sein. Es kann sogar zugunsten der Karriere bleiben gelassen werden. Daß sich in Deutschland alle so intensiv damit beschäftigen, was das Beste fürs Kind ist, heißt noch nicht, daß die Kinder aufgehört haben, Verlängerung des elterlichen Körpers zu sein. Im Gegenteil: die klammernde, überfürsorgliche deutsche Mutter, die nicht zur Arbeit geht, weil fremde Leute schlecht fürs Kind sind, scheint in gewisser Weise die symbiotische Taktik ihrer NS- Mutter zu übernehmen. Zwar möchten die Töchter der NS- Mütter ihren Töchtern die Zärtlichkeit geben, die sie von ihrer Mutter nie bekommen haben. Doch die Beschneidung ihres eigenen Körpers verhindert einen Umgang mit der Tochter, die es dieser erlaubt ein narzißtisch besetztes Körperimago aufzubauen.

Die ästhetischen Folgen, die ebenso für die Nazisöhne gelten,beschreibt Pohrt folgendermaßen: „Am Gesicht dieser Generation, an ihrem Blick werden alle modischen Bemühungen zuschanden, die Jungdeutschen mögen sich kleiden oder kostümieren, wie sie wollen, sie sehen immer aus wie am Nacktbadestrand, und wahrscheinlich deshalb bevölkern sie ihn so zahlreich, es gibt keinen anderen Grund….Ganz unverkrampft und entspannt sei,wie väterliche Beobachter lobend konstatieren, das Verhältnis der Geschlechter geworden, also nirgends schwüle erotische Gewitterstimmung, in der die Blitze zucken und Funken überspringen können, seltsam eunuchenhaft, kastriert und sterilisiert wirkt nicht nur das äußere Erscheinungsbild, sondern auch das Gebaren dieser Generation.“ (Pohrt, S.132,33)

Eine Frage, die Pubertäre heute so umtreibt, tun es die Eltern eigentlich noch oder haben sie es das letzte Mal bei meiner Zeugung gemacht, ist vielleicht gar nicht so naiv. Nennen sich die Eltern schon Vati und Mutti, liegt das Begehren sicherlich ganz fern. Die Ritze des elterlichen Bettes ist nur für das Kind da. Sie trennt zwei feindliche Gebiete, deshalb ist sie auch so unbequem.

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