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Wenn Deutsche zu sehr lieben… (Teil 1 von 3)

In Artikel on 1. Januar 2003 at 20:31

…ja, was dann? Suchen sich da nicht negative Nationalisten einen Anlass, den Landsleuten den Sonderweg noch im Bett nachzuweisen? – Ganz, als gäbe es einen deutschen Orgasmus, oder, sei’s drum, einen deutschen ejaculatio praecox? Sollte nicht wenigstens der schlechte Sex, die katastrophische Paarbeziehung einmal nicht diesem Volk, sondern dem Patriarchat, der bürgerlichen Sexualmoral und ähnlichen Ärgernissen zur Last gelegt werden? Führt nicht gar die gegenteilige Behauptung schnurstracks in die Hölle, die da heißt Völkerpsychologie, auf direktem Weg zu den Mythen von den ordentlichen, aber hüftsteifen Hunnen, die den feurigen Südländern in Sachen Erotik und Esprit das Wasser nicht reichen können? – Mag sein, dass solche Einwände ihr Recht haben; allerdings nur für jene, die auf Handlungsanweisungen aus sind, in diesem Fall: internationale Partnerwahlberatung. Denn wenn auch unter den Landsleuten so etwas existiert wie ein Nationalcharakter, der es sachlich korrekt erlaubt, die Rede von den “häßlichen Deutschen” ganz wörtlich zu nehmen, so ergibt das noch lange nicht den Umkehrschluß, auch bei Bürgern anderer Staaten sei ein vergleichbarer vorzufinden: Ist es doch vielmehr Teil des deutschen Problems, einen solchen Nationalcharakter sein eigen zu nennen.

Um nur ein aktuelles Beispiel zu nennen: Bei der jüngsten Fußball-WM tauchten unter den Fans fast aller Nationalmannschaften stets leicht bekleidete bis barbusige Frauen auf, die samt ihrem Körper ihre Landesfarben zur Schau trugen (und sicherlich dafür von anderen Frauen des Landes, katholischen wie feministischen, verachtet wurden). So beliebt das Motiv für die deutschen Reporter war, so wenig Nachahmerinnen fand dieses Phänomen unter den deutschen AnhängerInnen, trotz ihrer doch angeblich schon fast lateinamerikanischen Feierlaune. Die Frage nun, was besser sei, ein sexistisches Spektakel, das nichtsdestotrotz selbstbewusst wie selbstgenießerisch inszeniert wird, oder klemmige Verbissenheit, die dafür den Reservierteren einiges erspart: die Logik des Vergleichs also erweist sich hier als sichtlich bekloppt. Wer aber nicht abwägen, sondern begreifen will, findet sich bereits mitten in der Fragestellung, die uns beschäftigen soll: Wie sich eine besondere, deutsche Geschichte der libidinösen Leidenschaften erzählen ließe, die vom Nationalsozialismus bis in die Gegenwart reicht. Spekulationen über die Lebensfreude in anderen Ländern trägt zu dieser wenig bei; und was das Verhältnis zum kapitalen Allgemeinen betrifft, so mag fürs erste die bewährte Faustregel hinreichen, dass Deutschland als besondere Nation eine besonders erfolgreiche ist.

Wenn Deutsche zu sehr lieben also. Warum aber “lieben”? Lehrt nicht die Erfahrung, dieses große Wort sorgsam zu vermeiden, sollen die Landsleute beschrieben werden samt ihrer gut gekühlten Schlafzimmer, ihrer schlecht sitzenden Anzüge und Kostüme? Wirkt es nicht reichlich deplaziert, ja geradezu frivol, wenn es um die Geschichte der Richter und Henker geht, um die Männer, die ohne mit der Wimper zu zucken ihre jüdischen Ehefrauen verstießen, als es angesagt war, und um die Mütter, die ihren Kindern den Heldentod für Volk und Führer als süßes Schicksal predigten? Musste nicht jede Regung von Zärtlichkeit, von Sehnsucht Mißtrauen und Verachtung auf sich ziehen, um flink wie ein Windhund, zäh wie Leder, hart wie Kruppstahl und also unattraktiv wie nur irgend was zu bleiben? – Das ist wahr, und doch irreführend. Denn es übersieht, dass der NS ein gigantisches Unternehmen zur Reorganisation der erotischen Energien der Volksgenossen bildete und in jedem seiner Glieder, der bekannten Kälte zum Trotz, vor Erregung zitterte. Nicht von ungefähr kennt die Welt, analog zum “Französisch” genannten Oralverkehr, den Sex in Uniformen nur unter dem Namen “German”.

Bei allen Bekundungen zu traditionellen Werten, zu Familie, Treue, Mannesehre und keuscher Frauentugend, bei allen Phantasmen von Normalität im Unterleibsbereich, die an Schwulen, Prostituierten, an den Unproduktiven, Genusssüchtigen, Verschwenderischen, kurz Perversen und Asozialen mörderisch ausagiert wurden: Bei aller Unfähigkeit zur Libertinage schrieb der Faschismus, nahm er auch die vorsichtigen Weimarer Versuche zur Frauenemanzipation und Sexualreform zurück, nicht einfach die alte repressive Moral fort. (Und man könnte spekulieren, inwiefern das nicht etwa einen Gegensatz bezeugt, sondern einen Zusammenhang, lebte doch in historischen, also schlechten Zeiten jede Lust von der Überschreitung.) Keine alte viktorianische Jungfer hätte die epochale Schamlosigkeit ertragen. Waren auch die Gerüchte um den SS-Lebensborn als Kupplerunternehmen mit arischen Deckhengsten zweifelhaften, pornographischen Ursprungs, so dürften andere, weniger spektakuläre, aber besser dokumentierte Fälle, in denen den Nazis das Interesse am Nachwuchs schwerer wog als das Interesse am qua Trauschein geregelten Zusammenleben von Mann und Frau, den meisten gegenwärtig sein – gegen die Diskriminierung lediger Mütter und vor allem unehelicher Kinder waren sie allemal zu haben. Die SS-Spitze, ohnehin ein Vorreiter in Sachen germanischer Gemeinschaften, plante für siegreiche Nachkriegszeiten die allgemeine Einführung der ‘Friedel-Ehe’ – die staatlich legitimierte Zweitfrau als Auszeichnung für bewährte Kämpfer (oder genauer: für deren erwiesenermaßen wertvolles Erbmaterial). Die meisten Nazi-Größen mochten nicht so lange warten: Die Geliebte, nicht als Affäre, sondern als selbstverständliche Ergänzung zur Ehefrau gehörte zur Standardausstattung von Himmler, Eichmann & co.; übrigens im Einvernehmen mit allen Beteiligten. So gratulierte Frau Bormann ihrem Gatten, als dieser ihr die Eroberung der Zweitfrau meldete, brieflich und regte an, darauf zu achten, dass nicht beide zugleich schwanger würden, um immer “eine Frau zur Verfügung zu haben”. Schwer dürfte festzustellen sein, wie viele außerhalb des unmittelbaren Herrschaftsapparates die Probe wagten, ob auch ihnen der Segen zur Verletzung der monogamen Sitten erteilt werden würde. Jedenfalls ist bemerkenswert, dass angesichts des sonst so beliebten Klatsches der Deutschen über das Liebesleben ihrer ehemaligen Führer die geplante wie praktizierte ‘Friedel-Ehe’ kaum Erwähnung findet. So manch einer dürfte sich andernfalls zu sehr ertappt fühlen beim Wunschtraum von der bequemen Art, Herrenmensch zu werden.

Mit der klassischen Familie war es zumindest auch bei den einfachen Volksgenossen nicht weit her. Dafür sorgten schon die faschistischen Massenorganisationen, die vom einzelnen jene Liebe und Loyalität verlangten, die früher allein dem privaten kleinen Reich und ihrem Oberhaupt gegolten hatten. Solche Konkurrenz konnte die HJ ebenso wenig dulden wie Hitler selber: Wer dazugehören wollte, hatte Mutter und Vater zu verraten, ebenso wie die ihre Kinder, wenn die Rassenhygiene es verlangte. Die größte Konkurrenz aber stellte die Liebesbeziehung selber dar. Denn wer liebt, entzieht sich, wie wir spätestens seit “Romeo und Julia” wissen, den Verpflichtungen des großen Ganzen, der Gemeinschaft, in die er hineingeboren ist, und wählt den einen einzigen sich zum Schicksal. (Deswegen geht, gerade weil er von einem deutschen Präsidenten kommt, Heinemanns Satz, er liebe nicht den Staat, sondern seine Frau, so zu Herzen, mehr als jede öffentlich-rechtliche “Verbotene Liebe”.) Jede Nation beäugt diese wahrhafte Asozialität mit Misstrauen, aber auch mit Eifersucht, und versucht, wie George Mosse gezeigt hat, das Begehren auf sich zu ziehen – auf nationalisierte Frauengestalten wie Jeanne d’Arc und Prinzessin Luise von Preußen, Verkörperinnen der Tugend, auf die kämpferische Marianne mit dem entblößten Busen und die kernige Germania. Das faschistische Sexsymbol aber hieß Hitler, als Erbe und körperloser Sachwalter des legendären ius primae noctis immer der Dritte im Bunde der Ehe. Dass Frauen qua öffentlicher Anzeige dem Führer ein Kind geschenkt hatten, bewegte keinen Ehemann zur Vaterschaftsklage; und dass wiederum die Männer selber weiche Knie und feuchte Augen bekamen, wenn jener ihnen tief in diese geblickt hatte, brachte keine Ehefrau zum bitteren Verdacht, einen warmen Bruder geheiratet zu haben. In vielem war das so genannte ‘Dritte Reich’ ein postmodernes Reich frei beweglicher Leidenschaften und verschwimmender Geschlechtergrenzen; auch das ein Beitrag zur machtvollen Transgression der christlich-abendländischen Grenzziehungen.

Vor die Liebesheirat setzten die Nazis die Rassenheirat; und wie sehr die Deutschen diese Setzung als Ersetzung nachvollzogen, dokumentieren bereits die bereitwilligen Scheidungen, als gojisch-jüdische Hochzeiten nach 1935 verboten wurden. Vor allem ‘arische’ Männer müssen massenhaft ihre “rassisch minderwertigen” Frauen in die Wüste des Exils, später der sicheren Ermordung geschickt haben, auch ohne förmlichen Befehl. (Freilich harrt dieses spezifische Kapitel deutscher Barbarei noch seiner genaueren Erforschung; aber es scheint, als wären es fast ausnahmslos Männer, die als jüdische Eheleute in einer so genannten “Mischehe” die Vernichtung überlebten.) Die komplizierte bürokratische Prozedur, samt ärztlicher Zwangsberatung, hat zumindest niemanden von Heiratsplänen abgehalten – nicht einmal in der SS, deren Mitglieder auf Grund der Anzahl der erforderlichen Abstammungsdokumente und Leumundszeugnisse manchmal jahrelang auf die Eheerlaubnis warten mussten. Alle anerkannten sie die nicht mehr private, sondern ganz und gar öffentliche, das heißt völkische Verpflichtung, die sie mit der Ehe eingingen.

Mit der Ehe aber wurde auch die Sexualität zur öffentlichen Angelegenheit: als geregelte Fortpflanzung. Hier spätestens hätte unsere viktorianische Jungfer vor Scham erröten müssen: Praktizierte schließlich der NS Zuchtwahl nicht allein im negativen, also mörderischen Sinne der Euthanasie, sondern auch in Form der Förderung und Aufforderung. Während die Perversen verfolgt wurden, gehörte Voyeurismus zugleich zum guten Ton des guten Sex: Kopuliert wurde unter staatlicher Anteilnahme, die durchaus auch die Verwaltung der fruchtbaren Tage der Soldatenfrauen umfassen konnte, auf dass bei der Urlaubsplanung nichts dem Zufall überlassen blieb. (Angehörige des weiblichen Geschlechts mögen sich vielleicht an die Sportlehrer an ihrer Schule erinnert fühlen, die Buch führten über die Menstruation ihrer Schülerinnen, auf dass keine ihre grundlose Abwesenheit durchtrieben mit Frauenleiden begründe – aber wir greifen auf vor auf postfaschistische Transformationen). Gerade an der Front, wo Staat und Bürger die intimste Bindung eingingen, blieb das Begehren nicht den Launen des Augenblicks überlassen, sondern denen der Rasse: Bordelle wurden vom Generalstab geplant, Prostituierte zwangsverpflichtet und ärztlich überwacht sowie die Freier auf Schritt und Tritt begleitet – mit Belehrungen von den Vorgesetzten, Kontrollkarten und der Anordnung: “Nach Verkehr Abstreifen des Gummischutzes, ohne dass seine Außenseite mit den Fingern oder Eichel und Harnöffnung in Berührung kommt. Dann gründliche Reinigung der Hände und Geschlechtsteile, danach Harn lassen.” Trieb, das hieß Gefahr: der Rassenschande, der tückisch sich einschleichenden Geschlechtskrankheit, des Ansehensverlust im Besatzungsgebiet schließlich, wenn die Vergewaltigungen überhand nahmen; als abgeführter, mit der helfenden Hand der Volksgemeinschaft bewältigter aber bedeutete er Schönheit – in der Befriedigung darüber, zum Wohle aller am Frauenkörper masturbiert zu haben, ohne Flecken zu hinterlassen. Wenn KZ-Aufseher Skrupel zeigten, so half es stets, die Ehefrau nachkommen zu lassen, und die Problemkinder funktionierten wieder.

Nein, Lust war nicht verpönt in Deutschland, zumindest solange, wie sie sich nicht unproduktiv darin erschöpfte, Appetit auf mehr Lust zu entfachen. “Der Junge, der im Sommer mit langen Röhrenhosen herumläuft, eingehüllt bis an den Hals, verliert schon in seiner Bekleidung ein Antriebsmittel für seine körperliche Ertüchtigung. Denn auch der Ehrgeiz und, sagen wir es ruhig, die Eitelkeit muss herangezogen werden. Nicht die Eitelkeit auf schöne Kleider, die sich nicht jeder kaufen kann, sondern die Eitelkeit auf einen schönen, wohlgeformten Körper, den jeder mithelfen kann zu bilden. Auch für später ist dies zweckmäßig. Das Mädchen soll seinen Ritter kennen lernen. Würde nicht die körperliche Schönheit heute vollkommen in den Hintergrund gedrängt durch unser laffiges Modewesen, wäre die Verführung von Hunderttausenden von Mädchen durch krummbeinige, widerwärtige Judenbankerte gar nicht möglich. Auch dies ist im Interesse der Nation, dass sich die schönsten Körper finden und so mithelfen, dem Volkstum neue Schönheit zu schenken”, fasste Hitler zusammen. Gerade in Anbetracht des nackten Körpers bot sich die Gelegenheit für einen faschistischen Feldzug gegen die Prüderie. Wenn die Landsleute Zoten reißen, fordern sie bekanntlich die Spaßverderber auf, sich nicht zu erregen; und inmitten (vor allem ostdeutscher) FKK-Seligkeit gilt es als lachhaft, die Augen niederzuschlagen. Analog dazu argumentierte bereits das ‘Schwarze Korps’, die Zeitschrift der SS: “Wir haben es dahin gebracht, dass, obwohl unsere Frauen und Mädchen an den Ufern der Flüsse und Seen und an der Meeresküste wirklich kaum noch bekleidet sich an Sonne, Luft und Wasser erfreuen, die Gattung jener ewigen Ferkel ausgestorben ist, die an solchen Anblicken ‘Anstoß nimmt’.” [1] Aufreizend unaufreizend bevölkerten nackte Körper nicht nur die deutschen Badeseen, sondern zuhauf auch die deutschen Museen und Galerien. Die Enterotisierung der Leiber, wie Breker und Konsorten sie in Stahl meißelten, selbst wenn sie malten, war die Voraussetzung der natürlichen Schaulust: Denn die Natur selber – und in Verbund mit ihr die Volksgenossen – durfte die gelungensten Exemplare ihrer Zuchtwahl bewundern, kriegstaugliche Muskeln und Brüste, die zu stillen verstanden. Noch einmal das ‘Schwarze Korps’: “Für echte und edle Nacktheit! Wir müssen um das Offene und Ehrliche kämpfen. Weil es immer das Richtige ist. Und ist es richtig, so ist es sicher gesund, und ist es gesund: dann kommt es mit tödlicher Sicherheit aus dem Natürlichen. Darum müssen wir auch um die echte und somit edle Nacktheit für alle natürlichen Gegebenheiten kämpfen.”

“Offen” und “ehrlich” und “mit tödlicher Sicherheit” “gesund”: Verschleiert wird nicht. Aber alles Leben aus den Körpern zum Verschwinden gebracht; alles Individuelle und besonders: alles individuelle Begehren muss an ihnen abprallen. Nur einem nämlich sollen sie Schönheit spiegeln und Verlangen repräsentieren – dem organischen Ganzen, der Volksgemeinschaft, legitimiert, die Grenzen der Intimität zu durchstoßen. Wer nichts zu verbergen hat, hat auch keinen Grund, sich nicht zu entblößen; und natürlich, als guter Deutscher, Gelegenheit, am voyeuristischen Blick auf die anderen teilzuhaben. Der faschistische Nudismus bündelt die Ressentiments gegen die geheimnisvolle, verführerische Oberfläche, die in der Verheißung selber die Lust zu ihrem Recht kommen lässt. Die Deutschen aber müssen der Sache auf den Grund gehen, weil sie die Zweideutigkeit aus Schönheit und Gefahr nicht ertragen, und wittern daher hinter jeder Inszenierung die Tarnung einer, wir erinnern uns an Hitlers deutliche Worte, krummbeinigen jüdischen Widerwärtigkeit. (Ersatzweise tut es auch die Syphilis, die lauert, wenn das jüdische Mädchen sich tatsächlich als hübsch erweisen sollte.) Die Wut, dass es nicht die inneren Werte sind, die das Begehren entfachen, sondern der Tand und der Glitter, der käufliche Duft und die unbeständige Mode, speist sich aus und kulminiert in der Wut auf die Ware selber – die Ware, die schließlich das Versprechen in sich trägt, keinem für immer zu gehören, sondern als Geld weiterzuwandern, wohin die Liebe des Besitzers fällt; die Ware, die das Versprechen in sich trägt, aus der Blutsenge zu befreien und die ganze Welt zu erschließen, das Fremde und Exotische zuvörderst; die Ware schließlich, die so wenig dem Willen gehorcht wie Lust und Potenz und sich regelgerecht nicht mit Gewalt, wohl aber mit Schmeichelei aneignen lässt. In der Lust am ungeschmückten Körper begegnet uns die schlechte alte Zivilisationsfeindschaft, die Verachtung der welschen Dekadenz wie der Hass auf Geld und Geist, auf Glück ohne Macht. Daher stößt das heutzutage beliebte alternative Gemoser über die überschätzte Bedeutung von Klamotten und Styling immer wieder auf offene Ohren, während die Deutschen doch allesamt so aussehen, als ob sie sich in ihrer Kleidung, ob Marke oder Second Hand, als Fremdkörper fühlen.

Vor den Zumutungen der mit fremden Federn geschmückten Leiber und der mittels Entfremdung inszenierten Lüste bot das faschistische Körperideal Schutz. Nur stand dieser Schutz selber, in der Sprache der strukturalen Psychoanalyse, im Zeichen des Imaginären: Vor der Oberflächlichkeit des Tausches (für Kennerinnen: die symbolische Ordnung) flüchteten die Landsleute, ironisch genug, nicht ins Offene und Ehrliche, sondern hin zur täuschenden Oberfläche. Die gepanzerte Nacktheit spiegelte nichts als Ganzheit und Geschlossenheit, der kein Mangel innewohnte, keine Sehnsucht auf Erfüllung also, deren Ruf ein anderes Subjekt hätte vernehmen können. Wer sich mit solchem Körper wappnet, muss immer um ihn fürchten, weil nur die Zerstörung einem anderen die Möglichkeit gewährt, zum Träger vorzudringen. Zugleich aber wird kein Hautschild so geschlossen sich darbieten wie die Brekerschen Statuen; stets stören Schmutz, Schleim und Säfte, Makel des Lebendigen, die spiegelglatte Peripherie. Vor der Raserei hilft nur der erprobte Sprung in die Tiefe. Das erhabene Außen verweist auf die innere Größe, die Kräfte von Volk und Natur, für die der dargebotene Körper bloßes, austauschbares Exemplum ist – weshalb an ihm auch nichts auf sie verweist und alles doch auf sie verweisen soll. Die Dialektik von Wesen und Erscheinung wird stillgestellt und ersetzt durch einen Taschenspielertrick: Weil die Gesichter der Landsleute nichts zu verbergen haben und deshalb keine Geschichte erzählen; weil weder Leidenschaft noch Verlangen sich in die ausdruckslosen Augen einschreiben konnten, die nie heißhungrig auf irdische Genüsse sich richten durften – weil also individuelle und damit erst humane Gefühle an ihnen nicht zu Tage treten, müssen sie tief in ihnen verborgen sein, so tief, dass sie so recht authentisch sind, tragisch verkannt vom Rest der Welt, bloß weil sie nie zum Vorschein kommen. Deutsche sind nie einfach nur schäbig; zum Raubmord spielen sie Wagner.

Im Ressentiment gegen Maskeradie und mangelnde Substanz überlagert sich Antisemitismus mit Antifeminismus. Nicht allein die Bilder des täuschenden, wurzellosen Juden, der schmeichlerisch die Arglosen ins (nie bloß finanzielle) Verderben lockt, veranschaulichen die Transformation des Begehrens, welches sich aus Mangel und Fremdheit speist, in die Lust am großen Ganzen. Um sich zu wappnen, fehlt selten auch der Griff ins Arsenal misogyner Stereotypien: die listige Schlange, von Natur aus unbeständig, aber mit weiblicher Raffinesse begabt, um verführerisch die Arglosen ins (nie bloß sexuelle) Verderben zu locken. “Jedes weibliche Wesen träumt wenigstens einmal in seinem Leben davon, Schauspielerin zu werden. Besonders bei jungen Mädchen ist die Krankheit so verbreitet wie die Masern und durch keine Vernunft zu bekämpfen” [2], diagnostizierte ein unbestechlicher Volksgenosse 1941; und bekanntlich galt die Schauspielerei im Nationalsozialismus als bloß nachahmende, also jüdische Kunst. Die libidinösen Ströme des völkischen Körpers wurden umgeleitet via phantasmatischen Inszenierungen, in deren Mittelpunkt die Enttarnung der Juden stand: Hinter der Fassade des wohlanständigen Bürgers lauert, wie im UFA-Film “Jud Süß”, der profane, enthemmte Trieb, nur darauf aus, die erotische Unschuld in Gestalt der Kristina Söderbaum zu überwältigen. Nur der bekämpfte Trieb gestattete den höchsten Genuss; die Identifizierung des Volksfeindes gewährt die voyeuristische Beschäftigung mit dem Verworfenen, die – im klinischen Sinne – perverse Identifikation im einen mit der orgiastischen Entladung im Pogrom und in der ausgefeilten Hinrichtung. Lustvoll in Schach gehalten wird der Trieb aber ebenso, und nahe liegender, am Körper der Frau. Jede Durchkreuzung des Begehrens richtete sich fast zwangsläufig auf die Insignien der Weiblichkeit und an ihre Adresse, paradigmatisch im Dekret: Die deutsche Frau raucht und schminkt sich nicht. Denn erotische Laszivität, schmückende Schönheit zu verkörpern, kurz: das Begehren zu repräsentieren, war in der herkömmlichen Ordnung der Geschlechter der Frau zugekommen, die, in Lacans Worten, den Phallus nicht hat, sondern ist. Wo aber sexuelles Verlangen kein Geheimnis sein soll, dass es am anderen – an der anderen – zu erforschen und damit zu erfüllen gilt, sondern ein an Volk und Führer zu delegierendes Problem, verwandelt sich auch die Symbolik der Weiblichkeit. Aus dem projizierten Grund des Begehrens zwischen den Geschlechtern – Männer lieben Frauen, weil diese attraktiv, einfühlend, eben: liebenswert sind – wird der projizierte Grund, das Begehren zu fürchten – und eine ausgelagerte Möglichkeit, es zu bekämpfen. Der Auftrag hieß, es den nackten Bäuerinnen und den anderen Figurinen aus dem Reservoir gnadenlosen Kitsches gleichzutun: nicht sexy zu sein, sondern ohne doppelten Boden und rundum gesund. Dementsprechend verschwanden die schweren Düfte vom Markt, und die Werbung für Parfüms betonte die frische, hygienische Ausstrahlung. Wer sich nicht an den Auftrag hielt, deren Leib reizte die elektrisierten Volksgenossen (wohl auch die Volksgenossinnen) zum Zugriff auf. Intimitäten zwischen ‘Arischen’ und ‘Fremdrassigen’, Zwangsarbeitern und Juden vor allem, wurden ganz selbstorganisiert geahndet, noch bevor sie als Rassenschande vor Gericht kamen; und fast immer traf es auf “arischer” Seite Frauen, die kahl geschoren und gerne auch unbekleidet durchs Dorf getrieben wurden. Ebenso wenig aber war der Sex mit Volksgenossen automatisch safer Sex. Noch in den 80er Jahren trafen HistorikerInnen in den Alsterdorfer Anstalten Insassinnen an, die als Prostituierte oder ‘HWG’-Klassifizierte, als Frauen mit “ Häufig Wechselndem Geschlechtsverkehr” also, zu Asozialen erklärt, sterilisiert und interniert worden waren.

Im Nationalsozialismus, ließe sich psychoanalytisch deuten, fand Sexualität in den Koordinaten der Urszene [3] statt. Der elterliche Geschlechtsverkehr stellt die selbstgenügsame körperliche Zweieinigkeit von Mutter und Kind in Frage, zwischen die sich das andere Begehren wie ein gewalttätiger Eindringling schiebt. Die Drohung, die mit dem Dritten Mann, dem Vater, auf den Plan tritt, ist existenziell; nicht anders denn als ausgesuchtes Objekt der Liebe ist der Säugling in der Lage gewesen zu überleben. Mit der Muttermilch sind die Ansprüche der Libido eingesogen worden: Daß ausgerechnet das eigene mangelhafte Dasein die Wünsche jener erfüllt, die in allem überlegen ist und dennoch sehnend die Hand nach einem ausstreckt, erscheint ebenso gewiss wie der Grund dafür rätselhaft. Was es ist, das inmitten seiner eigenen Bedürftigkeit die des mütterlichen Anderen zu einem Ganzen komplettiert, das Lacansche Objekt klein a, bleibt dem Kind entzogen. So ist der Boden für die Furcht bereitet, durch jemanden ersetzt und auf die eigene Ohnmacht zurückgeworfen zu werden; umso mehr, wenn dieser jemand Lüste bereitet und Begehren beantwortet, die die kühnsten kindlichen Phantasien überschreiten.

Auf die Urszene wird mit Verleugnung reagiert. Darunter aber wuchern die Phantasien, die mittels nachträglicher Deutung das werdende Subjekt in die vorgefundene Position versetzen. Solange die Identifikation mit dem mütterlichen Körper trägt, erscheint sie im Akt überwältigt worden zu sein, unschuldig unter einen Bann gezwungen wie der heimliche Beobachter selber, der die Augen nicht abwenden kann und sich nicht dabei nicht rühren darf. In den Tagträumen von Drachen und gefesselten Jungfrauen, vom Jud Süß und der geschändeten Arierstochter zittert die Erregung nach.

Betritt aber der unbesiegbare Ritter den Raum der Wunscherfüllung, je nach Geschlecht als ersehnter Retter oder alter ego, so stellt er nicht einfach den Urzustand, die Rückkehr in den Schoß der Familie, wieder her. In seiner schimmernden und tödlichen Wehr will er ja nicht bloß das Böse abwehren, sondern sucht dabei auch das Abenteuer. Begehren, vorher so verschmolzen mit dem Bedürfnis wie die Mutter mit dem Säugling, wird, wahrgenommen als Waffe in den Händen des Konkurrenten, identifizierbar, und inmitten der Angst regt sich die Lust. In der Orgie aus Schmerz, Schrecken und Ekstase, aus Stöhnen, Schreien und verzerrten Gesichtern, während Leiber sich wälzen, stoßend ineinander eindringen und sich gegenseitig verschlingen – dort sieht das Kind phantasmatisch (und selten ganz zu Unrecht, betrachtet man die normalen Inszenierungen heterosexueller Paarbeziehungen) einen, der die Oberhand behält. Der Vater ist, wenn nach dem Akt der Phallus wieder an ihm auftaucht [4], offensichtlich ganz geblieben; die Mutter aber hat ihre Wunde offenbart.

Die Gewalt, die vor den Augen des Kindes der Herr der Szenerie exerziert, ist obszön im genauen Wortsinne: abstoßend und aufreizend zugleich. Sie besiegelt nicht bloß die kindliche Ohnmacht, sondern verheißt zugleich den Weg aus ihr heraus. Die Enttäuschung über den Verlust der Einheit mit dem mütterlichen Leib, aufgehoben in den Klagen über weibliche Flatterhaftigkeit und Hinterlist, ermöglicht die Verdinglichung des Frauenkörpers zur Trophäe der persönlichen Autonomie. Was an die erfahrene Heteronomie gemahnt, in deren Schreckbild jede Spur paradiesischer Abhängigkeit getilgt ist, soll dereinst triumphal in den Griff bekommen werden. Beide Geschlechter eignen sich die Weiblichkeit an: vorm Spiegel die einen, im Bett die anderen.

Das weibliche Begehren des, vor allem aber die männliche Identifikation mit dem Vater meint einen Überwältiger. Gerade als verdrängter, aber im Begehren stets präsenter wird der Wunsch nach der Mutter, wie jener ihn vorstellte, als verpaßte Chance gedeutet, selber Herr zu werden; das soll nicht wieder vorkommen. Sexualität, der Koitus insbesondere, verspricht immer auch, eine Situation der Ohnmacht in den Griff zu bekommen. Besänftigt wird der Schauder vor dem Begehren des Anderen, das beim Flirt noch undurchschaubar gewesen sein mag, jetzt aber unübersehbar ist; und dem befremdlichen eigenen ist man in seinen Tücken ausgeliefert nur bis zur endgültigen Nagelprobe auf die gelungene Erregung, dem Orgasmus. Die Spannung vorm Unbekannten, Inbegriff der Erotik, löst sich im gewohnten Terrain des Bettes. Wer mit der Hand unters T-Shirt fährt, muß nicht mehr in fremde Augen blicken.

Je erfahrungsgesättigter und also schreckenerregender das Bild der Ohnmacht dem Subjekt erscheint, umso drängender wird der Zwang, das Spiel aus Aktion und Passion, aus dem Begehren erwächst, in blutigen Ernst zu verwandeln. Die Unterwerfung des anderen Körpers erlaubt, kontrafaktisch Autonomie zu behaupten, ganz wie einst im kindlichen Traum. Der Inzestwunsch wird nachträglich vereindeutigt; alles Überwältigende, polymorph Perverse fällt von ihm ab, während er zum Urbild eines vollendeten Umschlags von Hilflosigkeit in Allmacht avanciert. Von einem ungeschiedenen Ganzen ausgesondert und der Anderen bedürftig zu sein, die Schmach der Individualisierung, soll revidiert werden, aber mittels der Insignien individueller Handlungsmächtigkeit, des libidinös aufgewerteten eigenen Körpers. Und nicht inhärente Unmöglichkeit soll es sein, was die Erfüllung verhindert, bloß äußerliche Willkür: die gleiche väterliche Despotie, die so verlockt.

Indem die Urszene auf einen Gewaltakt reduziert wird, böse gegenüber dem Kind, nachahmenswert gegenüber der Mutter, muß in der unbewußten Rückschau alle Faszination am Befremdenden, Triebhaften von ihr abgespalten werden. Wird aber die Gewalt der Leidenschaft isoliert und zum wie unbewußt auch immer anwendbaren Mittel degradiert, bleibt ihr Zweck, der Genuß, als traumatischer Rest über, der dem Subjekt als fremde Gewalt gegenübertritt. Statt einzuladen, erscheinen die Verrenkungen, die fremdartig verzerrten Gesichter als abstoßende Masken. Die Verzückung im Antlitz der Mutter, die dem Kind, das einzig seine eigenen Befriedigungen kennt, unerklärlich bleiben muß, wird nicht als Urbild des Rätselcharakters des menschlichen Begehrens überhaupt bewahrt, stets aufs Neue aufzulösen in dessen Nachvollzug, sondern als Vorbild für die weibliche Lust an der Unterwerfung – oder aber als Emblem des Eigensinns, der den Sieg des Herrn in Frage stellt und seinem Nachfolger, will er solcher wahrhaft werden, nicht entgehen darf. Auch die väterliche Gier verstört, die die koordinierte Aktion der Muskeln zu einem unbekannten Ziel antreibt und in ein unheimliches Licht taucht; die Lösung der Anspannung kann das Kind nur als Zusammenbruch der Kontrolle vergegenwärtigen, die es selber dereinst besser vermeidet.

Je ähnlicher die empirischen Erfahrungen den grundsätzlichen phantasmatischen Deutungen des anderen Begehrens, der Sexualität, werden, umso fester wird das werdende Subjekt in deren Koordinaten gebunden; und nur am Rande sei’s erwähnt, daß nicht erst das Verhalten im Akt, sondern schon das deutsche Drumherum, die typische Mischung aus unterkühlten Schlafzimmern und harten Betten, aus Feinripp, Klemmigkeit und analen Zoten kaum zur sinnlichen Aneignung anregt. Nur aber wer zumindest ahnt, wie in der Regel geliebt wird, wird aus Liebe die Regeln brechen, die ihr im Weg stehen. Die, denen die kichernden Eltern und das einfühlsame Jugendmagazin, jeweils auf ihre Art, nahelegen, beim erotischen Stelldichein sich auf die Regungen zu verlassen, die ganz von alleine kommen, werden sich, angesichts des Abgrunds aus Versagensangst und unbewußten Schrecken, der sich auftut, wenn sie nur in sich hinein horchen, höchstens zusammenreißen können, um ganz sie selber zu sein. Der schlechteste Rat gegen Impotenz oder Frigidität ist bekanntlich der, sich einfach fallen zu lassen; und gegen diese Drohung stehen jene sexualisierten Abwehrmechanismen bereit, die tatsächlich am Grunde des traumatisierten Subjekts zu finden sind. Verwehrt wird ihm, um der eigenen Erregung willen mit Haut und Haaren ein anderer zu werden, der die symbolischen Pfade der Lust schon beschritten hat: durch dessen Blicke, Laute, Bewegungen hindurch es den eigenen Körper verlieren und den fremden sich aneignen kann. Nicht als Wegweiser zum Glück hat der Herr der Urszene seinen Auftritt, sondern als der, der das Kind bei der Hand zu nehmen vermag, weil es ohne in lebenslänglich im Gewirr der Triebe verloren wäre.

Genau diese Rolle übernahm der Nationalsozialismus. In ihm hatten die festen Regeln der geschlechtlichen Moral ihre Geltung verloren, besser gesagt: nie stand ganz genau fest, wie weit diese für die Angehörigen des Herrenvolkes zu übertreten waren. Viele Kinder zur Welt zu bringen konnte einen zum Vorbild machen – oder zum Asozialen. Die Geschlechterrollen galten als sakrosankt – zum ganzen Mann aber gehörte, in der Armee seine Kleider hübsch ordentlich zu halten wie Hingabe und Zärtlichkeit für den Kameraden zu empfinden; und wer Hitlers Blick in sich aufnahm und vor Erregung zitterte, hatte, wie schon erwähnt, nicht zu befürchten, als 175er im KZ zu landen. Noch – und gerade – der Exzeß bedurfte der Erlaubnis der Herren: In den Wehrmachtsbordellen avancierte die Rassenschande zur Tugend, die die Stimmung der Truppe aufrecht erhielt. Als Leinwandhelden schließlich hatten die Deutschen Heinz Rühmann anzubieten, jenen drolligen kleinen Wicht, der in der “Feuerzangenbowle” freiwillig wieder zur Schule ging, wo er prompt seine urbane Freundin für die Unschuld vom Lande eintauschte. Gleich ihm regredierten die Landsleute zu harmlosen Buben und Mädels, vor den Fährnissen der Versuchung und der Syphilis geschützt durch dieselbe Instanz, die augenzwinkernd das Einverständnis zum bösen Streich gibt. Sie wollten nicht nur das weibliche Wild als Ausweis eigener Autonomie zur Strecke bringen, sondern gleich den ganzen Inzest: paradiesische Abhängigkeit vom Volkskörper, treuer allemal als der vergängliche der Mutter und gegen jedes triebhafte Eindringen gesichert; und zugleich das, was sich in dessen Verteidigung schon ankündigt: die selbstorganisierte phallische Herrlichkeit über jene Objekte, die Führer und Vaterland zur freien Verfügung überlassen.

Die perfekte Synthese aus beschützter Ohn- und triumphaler Allmacht wird allein dadurch getrübt, daß beides, wie im urbildlichen Inzestwunsch, als einander ausschließend zwanghaft auseinander fällt. Jene deutsche Soldaten, die sich gerne an die Abenteuer mit geklautem Schnaps erinnern und die ihren Kumpels, manchmal auch ihren Bräuten gegenüber von den Vergewaltigungen prahlten, bei denen bezeichnenderweise den russischen Opfern die Brüste abgeschnitten wurden – glauben doch zugleich und wahrhaftig an die, wie es so schön heißt, “saubere Wehrmacht”. Die Lust am geregelten Gang, den keine Leidenschaften durcheinander wirbeln, schließt die libidinöse Besetzung jener Maßnahmen zu seiner Aufrechterhaltung ein; nur beflecken die überschüssigen Gewaltakte die ersehnte Ruhe und Ordnung, die sie besorgen sollen. Aus der Perspektive der Herrschaft: Zu wenig Vergewaltigungen gefährden die Laune der Truppe, zu viele deren Moral (und im übrigen die Botmäßigkeit der Bevölkerung gegenüber der Militärverwaltung). Man möchte es schon gerne wissen (und dann doch auch wieder nicht), ob es an der Heimatfront, was die Zwänge sexueller Gewalt betrifft, so ganz anders zuging als auf den Feldzügen nach Osten. [5]

Heißt das nun: ‘die Frauen’ als Opfer der faschistischen Männer, gleich nach den Juden womöglich? Gemach. Verachtung der Weiblichkeit, wiewohl auf Repräsentantinnen angewiesen, richtet sich keinesfalls naturnotwendig gegen jede einzelne Vertreterin. Vor dem Fehlschluß, das biologische Geschlecht mit der symbolischen Geschlechtsidentität in eins zu setzen, war schon der NS gefeit. Nicht umsonst ist vieles von dem Gesagten geschlechtsneutral formuliert worden. Auch Mädchen wünschen inzestuöse Allmacht, und in einer Welt herrischer, willkürlicher Libido führt die Transgression klarer Grenzen nicht allein in eine Richtung. Gerade wenn das klassische Symptom der Weiblichkeit, die Repräsentation des Begehrens, dem Ausschluß unterliegt, müssen neue Positionen gefunden werden. Galten sie als Frauen nichts, so als Volksgenossinnen doch (fast) alles. Im Bündnis mit dem ebenso väterlichen wie mütterlichen Ganzen konnten die gemeinhin als weiblich begriffenen Tätigkeiten maskulinisiert neu angeeignet werden: Statt als private Bestimmung galten Kinderkriegen und Eintopfkochen als öffentliche Aufgaben, als gleichberechtigter Beitrag zur alten Männerdomäne namens Produktion. Mehr noch: Der Faschismus erlaubte, nach den Jahrzehnten bürgerlicher Subjugation, eine vergiftete Emanzipation, lange vor den Zwängen der Kriegswirtschaft. Als Angehörige der SS-Sippengemeinschaft, BDM-Führerin oder Lageraufseherin konnten Frauen endlich echte Verantwortung übernehmen; und vor einigen Jahren freute sich ‘Emma’ für Leni Riefenstahl, daß Hitler tüchtigen jungen Mädchen gegen allerlei überkommene Widerstände eine Chance gegeben hat [6]. Den Männern standen sie in nichts nach, weder in der Brutalität noch im rohen, ungeschlachten Aussehen. Ganz plump wollen sie als phallische Frau analysiert werden: Ihr liebstes Requisit war die Peitsche.

~ Fußnoten ~//

1 Zitiert nach: H.P. Duerr, “Nacktheit und Scham”, FfM 1994, S. 164

2 Zitiert nach: Maiwald / Mischler, “Sexualität unter dem Hakenkreuz”, Hamburg / Wien 1999, S. 97

3 Daß die Urszene (denk-) notwendig für die Konstitution des Subjekts ist, hat Freud in der Analyse des “Wolfsmann” dargetan; ebenso, daß die Frage nach ihrer Faktizität an der Sache vorbeigeht. Noch so ausdauernde Erinnerungsarbeit in der Analyse wird keinen positiven Beweis für eine Konstellation erbringen, in der die Spaltung von bewußt und unbewußt erst gesetzt wird und die daher zwangsläufig vor jedem Wissen und jeder Erfahrung angesiedelt ist; andererseits ist es kein Zufall, daß gerade an dieser Stelle Freud den Begriff der nachträglichen Deutung aufbringt. Wie die Analytikerin, so entwirft auch das Subjekt selber sich als ein kohärentes über eine kohärente Geschichte seiner selbst, die nebst dem Ziel auch einen Anfang kennen muß. Indem es die Konstellation, der es entsprang, in seinen Begehren aktualisiert und als dessen Ursache präsentiert, setzt es stets aufs Neue – denn der Rückgang zum ersten ureigenen Wunsch, dem jeder weitere nachgebildet ist, führt in einen infiniten Regress – und aus sich heraus die Bedingungen seiner psychischen Existenz als ihm Äußerliche, Objektive. Indem sich ihre Bewegung, die Selbstschöpfung aus dem Nichts, das damit zum bedeutenden Etwas wird, stetig wiederholt, wird die Urszene als Faktum in die Vergangenheit voran geschoben. (Vgl. dazu Peter Schneider, “Wahrheit und Verdrängung”, Berlin 1995)

4 Daß gerade der Phallus, Ausweis der Unversehrtheit und Unabhängigkeit des männlichen Subjekts, diesem später drastisch vor Augen führen kann, wie wenig es seine Potenz unter Kontrolle hat (und somit, gleich der Frau, die in Lacans Terminologie bekanntlich der Phallus ‘ist’, zum Repräsentanten des Begehrens des Anderen in mir avancieren und eine Dialektik aus Identität und Nichtidentität im Akt der Kopula, in der der Phallus von Körper zu Körper wandert, freisetzen kann), steht auf einem anderen Blatt. In Rede steht hier die narzißtische Besetzung dieses Organs, die Freud zufolge dem ödipalen Wunsch nach genitaler Vereinigung entgegensteht und ihn in der Latenzphase verdrängen hilft (vgl. Freud, “Der Untergang des Ödipuskomplexes”, Studienausgabe Bd. V, S. 248).

5 Hinweise gibt es einige, daß das widerwärtige Geschwätz, mit dem sich die Deutschen ihre Vergangenheit schönreden (“damals konnte eine Frau sich wenigstens noch nachts allein auf die Straße trauen”), in Bezug auf Zwangsarbeiterinnen und “Fremdrassige”, aber auch Prostituierte und andere, als “Asoziale” stigmatisierte Proletarierinnen und Subproletarierinnen auch eine widerwärtige Lüge darstellt. Vgl. Lars Quadfasel, “Eine deutsche Dissertation”, unv. Ms.

6 Vgl. Lars Quadfasel, “Leni bei den Emmas”, Jungle World 7 / 99

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