lesmadeleines

Die alltägliche Sorge um den Sex

In Artikel on 1. Mai 1999 at 19:57

Frau Z., wohnhaft in der Lindenstraße, geht zum Arzt, weil sie „keine Lust“ hat und das als krankhafte Erscheinung wertet. Sie möchte herausfinden, was mit ihr los ist. Der 14-jährige K., der mit seinem großen Freund auf einmal sexuellen Kontakt hat zuckt nicht die Schulter und sagt “na und?”. Er beschäftigt sich ausgiebig damit, ob er wohl eventuell schwul sei. Zum einen geht es ihm anscheinend nicht darum, ob eine gleichgeschlechtlich-sexuelle Handlung vorliegt, denn das liegt ja auf der Hand. Zum anderen geht es nicht nur um die Frage, wie die Eltern reagieren, denn dieses Problem wird oft erst dann erörtert, wenn man sich selbst „darüber“ klar geworden ist. Was aber ist das „darüber“ und haben Frau Z. und K. diesbezüglich etwas gemeinsam?

Beide sind auf der Suche. Auf der Suche nach dem, was Sexualität behaupteterweise sein soll: Etwas naturgegebenes, was tief im Inneren jedes Einzelnen steckt, das sich in Vorlieben und Verhaltensweisen zeigt und was mensch daher durch lauschen und in sich hineinhorchen herausfinden können müßte. Ob normal, eventuell schwul wie K. oder vielleicht frigide wie Z., jedeR muß sich bei sexuellen Handlungen damit auseinandersetzen, wie „normal“ oder „unnormal“ sie oder er noch ist oder ob womöglich bisher unerkannte Charaktereigenschaften plötzlich ans Licht kommen. Da Handlungen nämlich als Erscheinungsweise von tiefsitzenden Charaktereigenschaften angesehen werden, müssen Selbstwahrnehmung und alle Handlungen übereinstimmen. Entweder erneuert man dann sein Selbstbildnis oder bestätigt es. Bevor es aber darum geht, mit welchem (Miß-)Erfolg diese Suche nach der sexuellen Identität gekrönt ist, soll es zuerst um die Frage gehen, wie sich Charakter, kombiniert mit Handlungen, historisch hergestellt hat.

Menschen waren im Mittelalter austauschbar, keine sich als besondere, sich als individuell wahrnehmenden Personen, sondern Teil einer Existenzgruppe und Teil eines göttlichen Schöpfungsplans. Sie waren in ihrer Funktion befestigt, als Personen jedoch austauschbar (starb ein Kind wurde dem nächsten auch schonmal sein Name gegeben, starb einE EhepartnerIn der Existenzgemeinschaft wurde meist neu geheiratet um die weitere Existenz zu sichern). Familie, Region und Stand definierten die Einzelnen, Funktionen also, in die sie hineingeboren wurden. Der Sinn des eigenen Lebens war also bereits vorgegeben, z.B. wie der Vater Bauer oder Fürst zu werden und vor allem Diener Gottes zu sein, eine eigene Sinngebung war nicht nötig. Die Bedingungen begannen sich jedoch zu wandeln. Berufszweige waren nicht mehr so festgelegt sondern veränderten sich durch langsam beginnende Industrialisierung und waren daher mit Landflucht, dem Wechsel des Berufs und damit sozialen Zusammenhangs verbunden. Mehr und mehr eröffnete sich daher die Möglichkeit und erwuchs durch die Notwendigkeit des Überlebens auch die Pflicht, seine Biographie aktiver zu gestalten. Heute sind Menschen als Arbeitende austauschbar, als Individuen aber gerade nicht. Vom Prinzip her kann jedeR jeden Beruf ergreifen, an diesen bindet mensch sich nicht mehr per Geburt sondern per Vertrag. Um sich für einen speziellen Beruf oder eine bestimmte Stelle zu qualifizieren, um also einen Job zu finden, ist es allerdings nötig, sich aus der Menge der Arbeitssuchenden heraus abzusetzten, sich dafür zu qualifizieren. Auf altklug heißt das: „Jeder ist seines Glückes Schmied“. Das Individuum wird also heute nicht mehr als ein bestimmter Mensch geboren, sondern er wird es erst durch das, was er aus sich macht.  Von gottgegebenen Geschöpfen im Mittelalter wurden die Menschen zu modernen self-made-men.

So ist also das, was heute Individualität heißt, historisch langsam entstanden, wobei es uneingeschränkt als positiv angesehen wird, nämlich als Chance und Möglichkeit „sich“ zu „verwirklichen“, gerade im Privatleben. Die Entwicklung zur Individualität zeigt sich auch hinsichtlich der Sexualität, hier besonders im Bereich des Verbotenen, wie z.B. Prostitution, Masturbation, vorehelicher Sexualverkehr aber auch: Sodomie, also Analverkehr . Wurde bisher Fehlverhalten abgestraft kamen im Zuge der Aufklärung Debatten um soziale Hintergründe für kriminelle Verhaltensweisen auf und die Ursachen (oft Teufelsbesessenheit) wurde hinterfragt: Inwiefern illegale sexuelle Handlungen angeboren oder (auf welchem Wege) erworben seien, aber vor allem, daß diese Ursachen nicht außerhalb (Teufel) sondern innerhalb der Person liegen (Psyche), schien die Möglichkeit zu eröffnen, durch Änderung dieser Ursachen die Verhaltensweisen abzuschaffen, also nicht nur begangenes Unrecht zu bestrafen sondern zukünftiges zu verhindern. So begann sich eine Verantwortlichkeit der Menschen für ihr Tun herauszubilden. Aus einfacher Erziehung (zu Verhaltensweisen) wurde Pädagogik und Therapien kamen auf. Sie setzten immer mehr die Handlungen in einen Zusammenhang, und dieser Zusammenhang formte sich zu einem Charakter, auf den es einzuwirken galt und gilt. Der Charakter ist nun Grund für das Handeln, daher Handlungen die Erscheinungsweisen, auf Grund derer sich auf den Charakter schließen läßt. Diese Psychologisierung begann auch in der Gerichtsmedizin des 19.Jahrhunderts, die z.B. Probleme hatte, Sexualverkehr unter Männern zu beweisen. Anusuntersuchungen waren nicht sicher, schon gar nicht bezogen auf den sogenannten ‘aktiven Sodomiten’, und so ging man schließlich dazu über, Gutachten über den geistigen Zustand der Betroffenen anzufertigen und seinen Lebenswandel über Wochen zu dokumentieren, um den Beweis der (Un-)Schuld zu erbringen.

1886 erschien schließlich die erste Ausgabe der  ‘Psychopathia Sexualis’ von Krafft-Ebing, in dem die bisherigen Einzelarbeiten über Personen mit nicht akzeptiertem Sexualverhalten gesammelt und kategorisiert wurden. Das Buch wurde zu einem Standardwerk — die Sexualpathologie  etablierte sich. Grundlage war die Trennung zwischen natürlichem und perversem Sexualverhalten, betrachtet wurden dabei nur die Perversen. Anwachsendes Fallmaterial vermehrte die Sammlung, so daß in der 6.Auflage des Werks 1891 (also nur 5 Jahre später!) auch der Sadist, der Masochist und der Fetischist aufgenommen waren. Von fehlerhaftem Verhalten konnte nicht mehr die Rede sein, man wurde zu einem fehlerhaften Menschen, was durch entsprechendes Verhalten in Erscheinung trat. Früher war die Handlung sozusagen alleinstehend, heute ist mensch gleich der Typ Krimineller, sobald mensch klaut, der Typ Schwuler, wenn Mann mal was mit einem Mann hatte usw., d.h. es wird in Typen eingeteilt, jeweilige Charaktertypen haben sich herausgebildet und das Verhalten läßt auf den jeweiligen Typ schließen, was besonders unangenehm ist, wenn der Typus zu den unbeliebten oder gar gesetzlich verfolgten gehört. Kein Wunder also, wenn sich Leute durch ihre sexuellen Handlungen, sei es daß sie eine Phase verstärkter Masturbation haben, sich plötzlich von einem Menschen gleichen Geschlechts angezogen fühlen oder aber Lust bei einem Gewaltporno empfunden haben wieder mal ausgiebig und oft genug quälend mit sich selbst beschäftigen müssen.

Und noch etwas hat sich verändert: Die Kontrolle von Handlungen vollzieht sich nicht mehr nur durch ein Außen (Bestrafung durch Gerichtsbarkeit oder Familie) sondern durchgehend auch durch das Individuum selbst, so eben auch bei Frau Z. und K.. Sie selbst sind es, die sich die Biographie schreiben müssen, versuchen „sich“ zu verwirklichen, also einen wesenhaften Kern in sich suchen, ihre Charakterisierung am Maßstab „wissenschaftlicher“ und populärer Leitlinien (wie z.B. der Psychopathia Sexualis, aber auch Sternzeichen, Gesetze, Umfragen u.v.m.) vornehmen müssen und unter der Fremdzuschreibung (nach selbigen Leitlinien) zu leiden haben. Dabei werden dann auch Probleme, die durch gesellschaftliche Ursachen entstehen, schnell als individuelle gesehen, nur weil sich diese in einem selbst verdeutlichen. So suchen Z. und K. Probleme in sich, die ohne die derzeitige gesellschaftliche Sortierung überhaupt keine darstellen müßten. So problematisch diese Charakterisierung auch sein kann und zu Verzweiflung und Selbstmord führen kann, ohne Identität, ohne eine Vorstellung davon, was einen selbst eigentlich ausmacht, kann kein bürgerliches Subjekt, also kein Mensch im aktuellen historischen Zustand, existieren. Es bliebe ein nichts, mensch hätte sich jegliche Existenzberechtigung und jeglichen Sinn vollständig abgesprochen, denn das was außer Charakter bleibt ist reine Austauschbarkeit. Dennoch kann man im Bewußtsein dieser Lage sowohl bei der Selbstcharakterisierung mit einer gewissen Lückenhaftigkeit leben, als auch Fremdzuschreibung an anderen Personen einschränken, was deren Diskriminierungserfahrungen verringert.

Die nun durch die Sexualpathologie herausgebildeten Begriffe Hure, Schwuler, Lesbe, Pädophiler, Hetero, Sadist, Masochist, Inzestuöser, Päderast, Sodomit, Fetischist, Platoniker, Frigide, Bisexueller, Impotenter, Transvestit, Transsexueller, Nekrophiler , Voyeurist, Exhibitionist und Nymphomanin  und was es nicht noch alles geben soll, bezeichnen also nicht nur Handlungen, sondern gleichzeitig die Vorstellung eines Charaktertyps. Dieser ist nicht auf Anhieb präzise beschreibbar, daß die Begriffe aber mehr als nur die Handlungen selbst umfassen, zeigen deutlich die Reaktionen der Umwelt bei der Preisgabe bestimmter Vorlieben: Plötzlich sieht man Menschen in einem anderen Licht, distanziert sich, wendet sich sogar ab und es ist ein Unterschied, ob der Mensch Nymphomanie (unersättlich, männerfixiert, völlig triebgeleitet, aktiv) oder Exhibitionismus (verklemmt, verschlossen, passiv) outet. Nur Heteros sind selbstverständlich, also „normal“, alle anderen sind andersartig, abweichend. Was aber das normale sein soll, von dem das Perverse so definitiv abgegrenzt wird, bleibt unbestimmt. Es ist letztlich paradoxerweise genau das Negativ zum Negativ, nämlich das nicht-perverse: Heterosexueller Steckkontakt mit Maß in intakter Beziehung. Und genau das war nicht schon immer so.

Diese Einteilung in Typen ist willkürlich und bliebe es auch bei Ausweitung der Kategorien. Sind Frauen, die einen richtigen Mann wollen masochistisch? Ist ein Bisexueller, der jede Nacht exhibitionistische Träume hat nun Exhi oder Bi? Haben richtige Männerfreundschaften nicht was schwules an sich? Steckt nicht in jedem Porno-Film- und Oswald-Kolle-Film-Anseher ein verkappter Voyeurist? Spätestens(!) bei der notwendigen Differenzierung zwischen Phantasie und Realität wird ein Chaos offensichtlich. Zum anderen zeigt die Tatsache, daß und wie sortiert wird, schon einiges, was es an dieser Gesellschaft zu kritisieren gibt. Die Unterscheidung in normal und pervers ist eine, die deutlich mit der Frage nach dem gesellschaftlichen Nutzen in Zusammenhang steht bzw. Vermeidung von Schaden, den die Einzelnen produzieren. Heterosexualität entspricht einem Nutzen, nämlich der Fortpflanzung, Homosexualität wird inzwischen teils als nicht-schädlich toleriert. Um individuelle Befriedigung geht es leider nicht.

Die Betrachtungsweise der EssentialistInnen, derjenigen also, die von einer Wesenhaftigkeit der Sexualität ausgehen, wird zwar auch kritisiert, indem die KritikerInnen richtigerweise die historische und kulturelle Gebundenheit von Sexualität aufzeigen, sie bleibt jedoch gesellschaftlich die durchgesetzte wissenschaftliche und alltägliche Vorstellung von Sexualität. Darin verschwindet dann auch jeglicher Unterschied zwischen dem griechischen Päderasten (selbstverständliche Lebensphase), dem mittelalterlichen Sodomiten (illegales Verhalten, Besessenheit vom Teufel) und dem heutigen Schwulen (Charakter). Alles sollen nur Erscheinungen sogenannter Homosexualität als Naturphänomen sein.

Jede Entdeckung einer neuen Vorliebe oder allein die Frage, ob man zu „soetwas“ fähig sei, führt also zur Infragestellung der bisherigen Selbstcharakterisierung und ihrer eventuellen Neuformierung. Eine schlüssige Identität ist allerdings nicht herausbildbar ist, denn dies würde eine Übereinstimmung des gesamten Verhaltens einer Person mit „sich“ bedeuten, das „sich“ ist aber gar nicht alleinstehend existent sondern nur eine Schlußfolgerung aus dem Verhalten, welches kulturell und gesellschaftlich gebunden ist. Deshalb ist auch die Suche ein unendlicher Prozeß, wenn dieser auch nicht immer so deutlich in Erscheinung tritt wie bei Frau Z. und K.

P.S.

Literatur:

Freud, Sigmund: „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie“
Müller, Klaus: „Aber in meinem Herzen sprach eine Stimme so laut“, Homosexuelle Autobiographien und medizinische Pathographien im neunzehnten Jahrhundert“
Lied: Funny von Dannen, „Ingo, der liebe Gummifetischist“
Artikel aus: Fortlaufende Nummer 3, Mai 1999.
wiederveröffentlicht in: Gigi #4, Sexualität und Identität.

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