Geht es um die Transformationen, die Sexualität und Geschlechterverhältnisse im postfaschistischen Deutschland durchlaufen haben, so ist das Bestreben, den kritischen Begriff dieser Gesellschaft auf die Höhe der Zeit zu bringen, stets der Gefahr ausgesetzt, den eigentlichen Skandal zu übersehen: Wie vieles sich gleich geblieben ist vor und nach 1945, wie sehr sich weiterleben ließ wie zuvor, auch an Tisch und Bett. Noch immer ist der Haß auf den unreglementierten Trieb bereit zum Pogrom und wittert ihn im Fremden, der ihn in die Gemeinschaft der Anständigen eingeschleust haben muß: Seine Projektionsfläche ist das unschuldige Kind, in das “sexualisiertes Verhalten” nur qua Mißbrauch eingepflanzt worden sein kann, zu dessen Symptomen solches laut Ratgebern für Kindergärtner zählt. Der Ruf nach Kastration ist noch allemal für Mehrheiten unter den Landsleuten gut. Das armselige Vergnügen an den ausgeklügelten Strafphantasien verrät, besonders wenn in jener charakteristisch unterkühlten, geradezu desinteressierten Manier vorgetragen, daß nicht Sorge um die Wehrlosen dahintersteckt, sondern Neid auf jene, die in ihren Augen eben keine erbärmliche Figur machen, sondern genau den ultimativen Kick erleben, der der Hetzmeute, die ihren Sadismus über den Umweg von Gesetz, Knast und Bild-Zeitung auszuleben gezwungen ist, noch versperrt ist. Eins mit sich ist das gesunde Volksempfinden schließlich, wenn es selber Hand anlegen kann; dann, wenn der ausgemachte Vergewaltiger die zu jenem Gewächs, hinter dem er immer und überall lauern soll, in Fußballstadien offenherzig – “Husch husch husch, Neger in den Busch” – assoziierte Hautfarbe trägt. “Neger zwingen ihre Frauen zu Sextänzen in Kellerkneipen”; “die stehen immer nur da mit ihrer unverschämten Lässigkeit, selbst nach der Arbeit, wenn sie kaputt sind”; “hat wahrscheinlich im Heim drei Frauen, und hier fickt er die letzte Unke im Dorf”: So trugen die Hoyerswerderaner Bürger 1991 ihre, na klar, Sorge um die zunehmende mißbräuchliche Ausnutzung des Asylrechts in Funk und Fernsehen vor . Den Rest des Beitrags lesen »